Günnis Reviews

Kategorie: Konzertberichte (page 20 of 44)

22.10.2016, Bambi Galore, Hamburg: Iron Underground Vol. 1 mit IRON KOBRA, WITCHING HOUR, MIDNIGHT PREY, VULTURE und CHEROKEE

iron-underground-vol-1-bambi-galore-hamburg-20161022Endlich mal wieder nach Billstedt zu Hamburgs Top-Adresse in Sachen Mäddl: „Iron Underground Vol. 1“ hieß der Anlass, für den gleich fünf Bands über die Bühne geschliffen wurden. Zu Hause brach ich die Sportschau ab und machte mich auf den Weg, denn schon um 20:30 Uhr eröffneten CHEROKEE den Abend, die für die leider verhinderten HH-Thrasher REAVERS eingesprungen waren. Die Kölner zockten gediegenen Retro-Hardrock mit weiblichem Gesang, der in seinen stärksten Momenten etwas an THIN LIZZY erinnerte. Auf der Bühne ging ’ne Buddel Whiskey um und wenn CHEROKEE bischn Gas gaben, ging’s mir gut ins Ohr, ansonsten war‘s aber weniger meine Mucke und bei Räucherstäbchen (die immerhin in einem Tierschädel steckten) krieg‘ ich tendenziell Plaque, während ich Fransenwesten zu keinesfalls erhaltenswerten ‘70er-Modesünden zähle. Nichtsdestotrotz hatte die Sängerin ’ne gute Stimme, verstand ihr „Handwerk“ und waren auch ihre Kollegen technisch durchaus versiert, so dass Freunde dieser Musik mit CHEROKEE auf ihre Kosten kommen dürften.

VULTURE aus NRW hatten ihr Anfang des Jahres erschienenes Demo-Tape auf eine 4-Track-Mini-LP gepresst, die im Deaf Forever von Götz Kühnemund direkt zu seiner „Speed-Metal-Scheibe des Jahres“ gekürt wurde. Das dürfte dem Quintett einen ordentlichen Popularitätsschub beschert haben, tatsächlich sind VULTURE seit einiger Zeit in vielerlei Munde. Die Band hat sich quasi direkt aus der Mitte der ’80er rübergebeamt, um fiesen Speed Metal irgendwo zwischen EXCITER, AGENT STEEL und NASTY SAVAGE zu zelebrieren. Und letzteres kann man hier ruhig wörtlich nehmen, denn vom großartigen Artwork ihres Merchandise über das Bandlogo bis hin zur Bühnenpräsenz versucht die Band offenbar, ein zur Musik passendes ästhetisches Gesamtkunstwerk zu schaffen. Während des Soundchecks sicherte man sich eine Überdosis Hall auf den Gesängen und nach dem Intro begann man den o.g. Sound nach allen Regeln der Kunst zu schroten – zunächst nur einen Song lang, dann gab’s ein Zwischendrintro aus der Konserve und weiter ging’s. VULTURE zogen fiese Grimassen, spielten gemeine Riffs und ließen’s ordentlich krachen, dann und wann erklang ein Soundeffekt aus dem Off als nettes Detail und irgendwann musste JUDAS PRIESTs „Rapid Fire“ dran glauben. Atmosphärisch war das astrein und ich fühlte mich tatsächlich um Jahrzehnte zurückversetzt, mit dem Hall hatte man’s dann aber doch etwas übertrieben. Besagte Vier-Song-Scheibe hatte ich mir einige Wochen zuvor bisher nur einmal im Netz reingezogen (und für hörenswert befunden); über welche Halbwertszeit das Material abzgl. Image und Drumherum verfügt, wird der Test der Zeit zeigen. Relativ früh verließ man die Bühne, vor der es sich sehr gut gefüllt hatte, musste aber noch für eine Zugabe ran. Diese wurde kurioserweise von einem der Gitarristen gesungen, der von einem der WITCHING-HOUR-Klampfer als Gast unterstützt wurde. VULTURE können auf jeden Fall wat und ich hatte nach diesem rippenden Speed-Metal-Inferno Laune!

Und zwar auf MIDNIGHT PREY aus Hamburg, die bisher zwei Demos und die EP „Rite of Blood“ am Start haben. Direkt beim Soundcheck riss Gitarrist und Sänger Winston ‘ne Saite, so dass sich der Beginn etwas verzögerte. Dann jedoch überzeugte das Trio mit speedigem, düsterem Metal mit peitschenden Drums, zeitweise klagendem Gesang und ebenfalls ‘ner ordentlichen Dosis Hall, sodass eine nicht minder atmosphärische Stimmung den Club ergriff. Auch dieser Auftritt machte von der ersten bis zur letzten Sekunde Spaß und das MANILLA-ROAD-Cover „Necropolis“ besorgte den Rest. Daumen hoch!

WITCHING HOUR aus dem Saarland haben sich dem Black-Thrash verschrieben, einer Oldschool-Spielart, die sich ungebrochener Beliebtheit erfreut und immer wieder neue Bands hervorbringt, die sich von VENOM und den Anfängen des Teutonen-Thrash beeinflusst zeigen. Ich musste erst mal recherchieren, inwieweit mir speziell diese Vertreter schon mal untergekommen waren, mit dem Ergebnis, dass ich zumindest schon mal reingehört und mir einzelne Songtitel notiert hatte. Die Jungs sind schon länger dabei und bringen’s neben ‘ner Split-Scheibe und einer EP bereits auf zwei Langdreher. Shouter/Gitarrist Jan hat sich anscheinend seiner langen Loden entledigt, was der Qualität der Band jedoch natürlich keinen Abbruch tat. Superaggressiver Black-Thrash entzündete ein wahres Inferno, jedoch ohne melodische Einsprengsel vermissen zu lassen, die die einzelnen Songs mit Wiedererkennungsmerkmalen und – auch auf die Gefahr hin, diesen Begriff heute überzustrapazieren – Atmosphäre versehen. Publikumsliebling schien „Barbed Wire Love“ zu sein, bei dem’s vor der Bühne noch mal richtig abging und es folgte im Anschluss direkt noch ein Kracher ähnlichen Kalibers hinterher. Auch WITCHING HOUR hatten ordentlich Hall auf dem Gesangsmikro, der Drummer gereichte mit seinen Fills Chris Witchhunter zur Ehre und als man in die Cover-Kiste griff, förderte man EXODUS‘ „Metal Comand“ zu Tage. Auch wenn vor der Bühne die Kräfte langsam nachließen, war das ein immens starker Gig, der mit einem schön langgezogenen Live-Outro endete. Schade, dass die Band keinen Merch dabei hatte, ich hätte mir glatt etwas mitgenommen.

Wesentlich fröhlicher ging’s schließlich bei den Power./Speed-Metallern IRON KOBRA auf der Bühne zu, denen die Aufgabe zuteilwurde, den Abend ausklingen zu lassen. Wobei das sicherlich das falsche Wort ist, denn die Gelsenkirchener, die Hamburg in schöner Regelmäßigkeit beehren, mobilisierten noch mal alle Kräfte. Anscheinend in Aushilfsbesetzung angetreten, stellten sie die Frage „Habt ihr noch Bock auf Heavy Metal?!“, worauf es natürlich nur eine Antwort gab. Weit mehr als während ihres Sommer-Gigs bei den Tipsy Apes verwandelte die Band ihre Bühne zur Partyzone, grinste sich bestens aufgelegt kräftig eines und interagierte mit dem Publikum. Das etwas kuriose, deutschsprachige „Wut im Bauch“ fehlte ebenso wenig wie eine ausgedehnte Fassung von „Heavy Metal Generation“, für das der Sänger seine Klampfe abschnallte und sich ins Publikum gesellte, wo jeder mal mitsingen durfte. Die CHEROKEE-Sängerin wurde beim Stagediving beobachtet, ‘ne Zugabe gab’s auch noch auf die Löffel und nach viel zu vorgerückter Stunde dann doch kräftezehrendem kollektivem Headbanging, Fistraising und Mitgröling hieß es irgendwann „Jetzt wird gesoffen!“, was die Band in erster Linie auf sich bezog, denn sie hatte ihre Schuldigkeit wahrlich getan. Anstatt mir weiter die Kante zu geben, trat ich den geordneten Rückzug an und freute mich über einen weiteren großartigen Abend in Hamburgs Metal-Club Nr. 1, der einem mit gleich fünf Bands auch einiges abverlangte – doch es hat sich gelohnt!

Schön zu sehen, welch hochklassiges Aufgebot bei moderaten Preisen zusammengestellt werden kann,  wie der deutsche Metal-Untergrund brodelt und mit welchem Engagement und welcher Attitüde die Leute dabei sind, um ihn am Kacken zu halten. Wann folgt Iron Underground Vol. 2?

16.09.2016, Menschenzoo, Hamburg: SNIPER 66 + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

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Ersatz vom Ersatz waren wir an diesem Abend, denn eigentlich sollten NASSER HUND den Support machen. Als die ausfielen, fragte man meine andere Band BOLANOW BRAWL, doch die konnte auch nicht und so sprangen letztendlich wir ein. Von SNIPER 66 hatte ich zuvor noch keine Notiz genommen, für die Texaner sollte es aber ein historisches Ereignis werden, begannen sie an diesem Abend doch ihre erste Europa-Tour! Die lokale Promotion gestaltete sich unterdessen etwas schwierig, da es erst einen Tag vorher gelang, die Veranstaltung auch im Bewegungsmelder unterzubringen. Angesichts diverser subkulturell relevanter Parallelveranstaltungen überraschte es dann auch wenig, dass es geraume Zeit dauerte, bis sich der Menschenzoo passabel gefüllt hatte. Gegen 22:30 Uhr war ich dann lange genug nervös herumgerannt und wir prügelten unser um einen Song gekürztes Set durch. Normans Soundgemisch klang ordentlich und für unsere Verhältnisse lieferten wir relativ souverän ab. Den Platz vor der Bühne hatte ich mir gesichert, was neben Bewegungsfreiheit den Vorteil mit sich brachte, in der monitorlosen Spelunke den Livesound perfekt wahrnehmen zu können, so dass ich mich vornehmlich darauf konzentrieren konnte, schlechte Laune zu verbreiten und mich hingebungsvoll meinem Hassgesang zu widmen. Beinahe hätte „Montag der 13.“ dran glauben müssen, da ich die falsche Setlist ausgedruckt hatte, aber instinktiv bemerkten wir sogar an der richtigen Stelle sein Fehlen – eigentlich brauchen wir also gar keine Setlist (kleiner Scherz, das probieren wir mal besser nicht). Ansonsten schlicht ein rustikaler Gig ohne besondere Vorkommnisse, mit dem wir zufrieden sein konnten und der den Anwesenden Lust auf mehr bereitete.

Natürlich auf die Streetpunks aus Austin, die schon zwei Langdreher draußen haben, sich im Soundcheck und anschließendem Backstage-Tratsch als OXYMORON-Fans entpuppten und anscheinend in Kürze auch auf einem US-Tribut-Sampler an die fränkische Streetpunk-Institution beteiligt sein werden. SNIPER 66 zogen doch einige Fans in der Hansestadt und fackelten live ein deftiges Brett ab, das für ausgelassene Stimmung im nun noch volleren Zoo sorgte. In Vierer-Besetzung mit zwei Gitarren wurde, obwohl alle ein Instrument zu bedienen hatten, nicht nur angenehm abwechslungsreicher Streetpunk der schnellen und dreckig-aggressiven Sorte mit kräftigen Kollektivchören und schön räudig-kehligem Gesang, sondern auch ‘ne Menge Bühnen-Action geboten, wobei besonders Drummerin April hervorzuheben ist, die, Hassgrimassen ziehend, auf ihr Kit eindrosch, als gäb’s kein Morgen mehr und diverse Sticks verschliss (was nicht nur Pokerface Dr. Tentakel in Erstaunen versetzte). Man ließ sich nicht lumpen und spielte über eine Stunde; gegen Ende gab’s dann auch das überaus kompetent gezockte OXYMORON-Cover „Life’s A Bitch“, dem wir schon während des Soundchecks lauschen durften. Das Publikum war gut aufgekratzt, teilweise überraschend textsicher und mitgrölfreudig, ein paar Leute immer am Tanzen und auch der betrunkene Hüne, der zwischenzeitlich dann doch etwas arg die Rücksicht auf andere vermissen ließ, konnte die gute Stimmung nur kurzzeitig dämpfen. Alle waren besonnenen genug, die Situation nicht eskalieren zu lassen und er schien’s auch nicht darauf anzulegen. Unser Bandbier hatten wir längst vernichtet, doch Eisenkarl schmiss noch ‘ne Kiste köstliches Ratsherrn und so blieb’s feuchtfröhlich, bis ich nach Merch-Kauf und einem letzten Plausch mit den glücklichen und euphorischen US-Gästen den geordneten Rückzug antrat.

Spitzenabend, von dessen Sorte SNIPER 66 auf ihrer dreiwöchigen Tour hoffentlich noch so einige (gehabt) haben werden! Am nächsten Tag ging’s für sie nach Schweden, wo sie hoffentlich von keinem allzu unbarmherzigen Kater heimgesucht wurden. 😉 Diverse deutsche Städte stehen aber ebenfalls noch auf der Route. Wenn sie also in eurer Nähe Halt machen, wisst ihr, was zu tun ist.

02.09.2016, Onkel Otto, Hamburg: CRUZ + WIRRSAL

cruz-wirrsal-onkel-otto-hamburg-20160902Ich weiß gar nicht, ob ich jemals zuvor auf ‘nem Konzert in Hamburgs rustikalster Punkkneipe war, diese finden dort nämlich nur äußerst unregelmäßig statt. An diesem Freitag jedenfalls schien mir Freizeit-Ökonom der Kneipen-Gig zweier mir unbekannter Bands die Veranstaltung mit dem attraktivsten Preis-Leistungsverhältnis zu sein – zumal mit WIRRSAL ‘ne mir noch unbekannte HH-Punk-Band spielen sollte und CRUZ aus Barcelona als Metal-Punk angekündigt worden waren. Als ich gegen 22:00 Uhr an der Balduintreppe eintraf, verging noch ‘ne ganze Weile, bis WIRRSAL schließlich mit ihrem deutschsprachigen, angenehm dreckigen HC-Punk losbretterten. Laut Bandinfo gibt’s die schon neun Jahre, lief jedoch bis dato komplett an mir vorbei. Inhaltlich überwiegend die übliche Themenpalette abdeckend, stieß das bewegungsfreudige Quartett sofort auf das Interesse der trotz der beengten räumlichen Verhältnisse nicht tanzfaulen Anwesenden und integrierte ein paar respektable Gitarrensoli in ihren Pogo-Sound. Punk von der Basis für dieselbe, der Sound passte, technisch streikte nur zeitweilig ein Mikro und das Bier schmeckte – gelungener Auftakt ins Wochenende.

CRUZ wiederum zockten dann leider weit weniger Metal-Punk als vielmehr ‘nen Bastard aus Death Metal und Grindcore mit entsprechenden Grunz-Vocals. Klanglich gab’s nix meckern, aber mir wurd’s schnell zu monoton, so dass es mich bald aus der verqualmten, engen Spelunke nach draußen trieb. Als ich später zurückkehrte, wusste das eine oder andere flottere Stück aber durchaus zu überzeugen. Sicher nicht schlecht, aber not ganz my cup of pee. Nicht wenige sahen das indes ganz anders und feierten die Iberer, so dass alle auf ihre Kosten gekommen sein sollten.

P.S.: Scheißfotos bei den Lichtverhältnissen…

25.08.2016, El Dorado (Gaußplatz), Hamburg: MANDELBAJO + SWORDWIELDER + LAUTSTÜRMER

mandelbojo + swordwielder + lautstürmer @el dorado, hamburg, 20160825Die DMF-Probe war ausgefallen und was macht man mit so’nem angebrochenen Donnerstag, wenn man eh schon in Altona ist? Erst mal auf’m Gauß vorbeischauen und wenn dort ohnehin abends ein Konzert stattfindet, warum nicht gleich mal mitnehmen? Bei freiem Eintritt und kalten Bier ab 60 Cent gibt’s da nicht viel zu überlegen. Zunächst waren glaube ich nur die beiden schwedischen Bands angekündigt, später waren die Kolumbianer hinzugekommen. Eigentlich sollte es wohl schon um 19:00 Uhr losgehen, was sich jedoch erwartungsgemäß um einige Zeit verzögerte. Irgendwann eröffneten LAUTSTÜRMER aus Malmö den musikalischen Teil des Abends mit ihrem krassen Hochgeschwindigkeits-D-Beat, der nicht nur laut stürmte, sondern erwartungsgemäß klang, als würde ein Zug durch die Platzkneipe rattern. Bassist und Gitarrist teilten sich das Gebrülle, während der Drummer subgenretypisch vor allem Becken und Snare unaufhörlich durchprügelte, was durchaus beeindruckend anzusehen war. Was ich auf Platte oft zu monoton finde, befreite hier aus dem entspannten Sommerabend wie ein Atomschlag, zumal das eine oder andere rockigere Riff und hier und da gewitzte Breaks die Chose angenehm auflockerten und man (zumindest für meine in Sachen D-Takt etwas ungeübten Ohren) über genügend Eigenständigkeit verfügte, um nicht als der x-te DISCHARGE-Klon die rote Laterne des Originalitätswettlaufs fußlahm durchs Ziel zu tragen. Leider begannen die Gesangsmikros, Probleme zu machen: Mal verstummten plötzlich beide, mal war lediglich eines von beiden zu vernehmen. Ein Problem, das man bei sonst sehr gutem Sound nicht in den Griff bekam.

Die Bude war längst überraschend gut gefüllt, als er mit SWORDWIELDER aus Göteborg Einzug hielt: Der berüchtigte alte Crust-Sound, der noch zu großen Teilen auf Doom-Metal-Riffs fußt, vornehmlich im Midtempo walzt und neben Angepisstheit und Entfremdung zu transportieren dabei eine fast schon hypnotische Wirkung entfacht. Die Band war mit zwei Gitarren angetreten, um das maximale Brett zu fahren und beschränkte sich auf ein Gesangsmic, wodurch die technischen Probleme in Vergessenheit gerieten. Die Meute headbangte sich vor der Bühne in Trance und ließ die Schweden nicht ohne Zugabe ziehen. Auch mir rang die Darbietung Respekt ab, denn das Ganze hatte echt Atmosphäre – viel mehr kann ich als Crust-Laie dazu aber auch nicht sagen (außer vielleicht, dass der Drummer mit HJ-Scheitel und Popelbremse absolut verboten aussah).

So spontan, wie ich erschienen war, hatte ich mir den Flyer gar nicht mehr genauer angeguckt, war demnach hochgradig überrascht, was nach technikbedingter längerer Umbaupause die enge Bude nun noch mal zum Kochen bringen sollte: Astreiner Surf’n’Roll-Punk des kolumbianischen Trios MANDELBAJO, das nicht nur einen heftigen Kontrast zu den vorausgegangenen Bands bot, sondern auch das Flair dieses heißen Hochsommertags zurückbrachte. Angetrieben vom Beat der Drummerin wurden Genreklassiker à la DICK DALE ebenso zitiert wie Eigenkompositionen gezockt, immer mit ordentlich Hummeln im Arsch, Durchschlagskraft und entfesselter Spielfreude, was sich aufs Publikum übertrug. Inkl. meiner Wenigkeit wurde nun ausgelassen getanzt und gefeiert, denn glücklicherweise funktionierten diese Stücke auch instrumental: Die Gesangsmikros legten ihr Schweigegelübde leider nie mehr so ganz ab. Das war eventuell auch ganz gut so, als sich eine extrem aufgedrehte Dame aus dem Publikum als Sängerin versuchte und fortan eines der Mikros in Beschlag nahm. Das Mikro der Drummerin jedoch tat anscheinend noch seinen Dienst und so wurde sie für die Zugaben vom SWORDWIELDER-Trommler an der Schießbude abgelöst, so dass sie vorne noch ein paar Hits trällern konnte. Details verschwimmen jedoch in meiner nachlassenden Erinnerung.

Klasse, gut besuchter und dann doch recht langer Donnerstagabend, der kaum jemanden nüchtern zurückgelassen haben dürfte. Manchmal sind die spontanen Unternehmungen eben doch die besten!

20.08.2016, Großmarkt, Hamburg: SLAYER auf dem ELBRIOT-Festival

elbriot-festival-2016,-hamburg

Dieser Samstag war eigentlich das Datum des „Umsonst & draußen“-Elbdisharmonie-Festivals, wo ich grundsätzlich auch aufschlug, es diesmal jedoch kein einziges Mal die Treppen herunter schaffte. In erster Linie war ich mit Konterbierchen und Vorglühen für SLAYER beschäftigt, die der Headliner des zweiten und letzten „Elbriot“-Open-Air-Tags waren – für den ich wie die Jungfrau zum Kinde zu zwei Gratis-Einlassbändchen gekommen war. Da die US-Thrash-Pioniere die einzigen des Billings waren, die mich elenden Ignoranten interessierten, plante ich, pünktlich zu SLAYER zu erscheinen und so lange mit Freunden und Bekannten an der Balduintreppe herumzulungern. Da die Dame, die ich für das zweite Bändchen auserkoren hatte, dankend abwinkte (unverständlicherweise; was gibt’s schließlich Romantischeres als ’nen SLAYER-Gig?!), nahm ich kurzerhand den guten Hannes mit und da nach kurzer Nachfrage auch noch ein dritter Freifahrtschein übrig war, konnten wir Martin, einem Gast aus Serbien, noch eine große Freude machen. Nun galt es aber Hackengas zu geben, zumal niemand von uns 100%ig mit dem Weg vertraut war. Je näher wir kamen, desto mehr Weichwürste kamen uns entgegen, die trotz teuren Eintritts bereits das Festival verließen. Am Einlass ging dann alles ganz schnell, doch lag noch ein verdammt langer Weg bis zur Bühne vor uns, währenddessen irgendwann bereits „Repentless“, das Titelstück des aktuellen Albums, erklang. Beim folgenden „Disciple“ aber befanden wir uns längst am Bierstand und zu „Postmortem“ hatten wir auf dem anscheinend 15.000 Menschen fassenden Gelände bereits einen okayen Stehplatz gefunden. Dank der Weitläufigkeit und der vielen bereits die Segel gestrichen habenden Süßwassermatrosen ging es auch ziemlich locker immer weiter vorwärts, während SLAYER eine Nummer nach der anderen spielten, mit der ich nicht sonderlich vertraut war – bin ich doch eigentlich ausschließlich Fan der ersten drei Alben (und den EPs jener Ära). Spaß machte das alles trotzdem, insbesondere für umme, mit zwei euphorisierten und trinkfreudigen Genossen an der Seite und in der Dämmerung eines für diese Saison ungewöhnlich warmen und trockenen Sommerabends. Richtig oldschool wurd’s schließlich im letzten Drittel: „Hell Awaits“ gefolgt von, ok, „South of Heaven“, aber dann das Schluss-Trippel „Raining Blood“, „Black Magic“ und „Angel of Death“, das noch mal diverse Schuhe auszog und mich auch endlich meine Nackenkraftreserven anbrechen ließ. Interessant übrigens auch, was man bei ’nem Gang zum Klo dann doch so alles an bekannten Gesichtern trifft. Eigentlich hatte ich noch mit einem zwei, drei Songs umfassenden Zugabenblock gerechnet und auf Höhepunkte wie „The Antichrist“, „Chemical Warfare“ oder „Kill Again“ gehofft, doch die von ein paar hippieesken Publikumslobpreisungen Arayas einmal abgesehen sehr maulfaule Band war nicht mehr zurückzubrüllen, dat war’s tatsächlich schon. Die Spielzeit dürfte ca. 80 Minuten betragen haben, King und der den leider viel zu früh verstorbenen Hanneman ersetzende EXODUS-Holt an den Klampfen hatten sich souverän durchgerifft und der Sound der großen Bühne mit ihrer zwischen höllenfeuerrot und nukleargrün wechselnden Lightshow gab kaum Anlass zur Kritik – so soll es sein. Also Absacker, weiten Weg zurück und noch mal aufs Elbdisharmonie, den Rest geben. Großes Dankeschön an den edlen Spender für dieses Privileg! War das doch tatsächlich erst mein zweiter SLAYER-Gig…

19.08.2016, Menschenzoo, Hamburg: DONNER KARLSSON + MUFASA OZORA

donner karlsson + mufasa ozora @menschenzoo, hamburg, 20160819

Irgendwie wiederholte es sich, dass ich im Menschenzoo auflegen sollte und gar nicht mitbekommen hatte, dass außerdem ein Konzert angesagt war. Das hatten anscheinend auch viele andere nicht auf dem Schirm und so verzögerte sich der Konzertbeginn, bis wenigstens ein paar Gäste vor Ort waren. Alles in allem kam man an diesem Abend auf ca. 20 Leute inkl. Bands, was ja nun echt nicht so doll ist, der Spielfreude des Openers DONNER KARLSSON aber offenbar nicht abträglich war. Dieser begann mit zackigem ’77-Punkrock, der aus eigenem Material bestanden haben dürfte und ab der Hälfte des Sets schwenkte man über zu reichlich Covermaterial: OPERATION IVY, „Teenage Genocide“ von SWINGIN’ UTTERS, „Back to Olympia“ von RANCID, BILLY BRAGGs „To Have and to Have Not“ in der LARS-FREDERIKSEN-Version, noch mal RANCID, ein mir unbekanntes D-Punk-Stück namens „Punkrocker“, das anscheinend von einer Band namens SUPERHORST stammt usw., ab und zu noch mal was eigenes, meist englisch, mal deutsch. War nicht verkehrt, die Band spielte gut und das wenige Publikum, mit dem der Gitarrist und der Sänger regelmäßig auf Tuchfühlung gingen, ging gut mit. Normans Soundmix war wieder glasklar und so machte das alles durchaus Laune.

MUFASA OZORA bedienten sich anschließend desselben Gitarristen, während ihr Sound mehr in Richtung melodischen deutschen Punkrocks mit kompetentem höherem Gesang tendierte, was ebenfalls ok klang. Auch in diesem Falle nutzte die Band die räumlichen Verhältnisse und erweiterte quasi die Bühne in den Publikumsbereich, um mit den Anwesenden zu feiern. Ich hab’ keine Ahnung, woher beide Bands stammen und was die bisher so gerissen haben, aber das wirkte alles recht souverän und hätte sicherlich stärkeren Publikumszuspruch verdient gehabt.

13.08.2016, Moorfleeter Deich, Hamburg: KEIN HASS DA + RAZORS auf dem WUTZROCK 2016

wutzrock 2016

„Umsonst & draußen“ lautet seit mittlerweile anscheinend fast 40 Jahren (!) Jahren das Motto des „Wutzrock“-Open-Airs am Moorfleeter Deich, das auch dieses Jahr wieder drei Tage lang um den Zuspruch festivalfreudigen Volks buhlte. Sonderlich gereizt hat mich die Veranstaltung seit vielen Jahren nicht mehr und ich weiß auch nicht, wann ich überhaupt zuletzt vor Ort war. Als am Samstag jedoch Kai Motherfucker samt Familie riefen und ich ohnehin gerade nichts wirklich Besseres zu tun hatte, reiste ich kurzentschlossen hinterher. Beim gar nicht mal so kurzen Warten auf den Bus am S-Bahnhof Mittlerer Landweg gab’s zum Meet & Greet mit Abschaum-Holli & Co. die erste Pilsette, bevor der Viehtransport direkt zum Festivalgelände fuhr. Da fing’s dann direkt mal wieder schön zu schütten an, während ich auf dem großen Parkplatz das richtige Lager suchte. Dort angekommen erneutes Meet & Greet, Pilsken usw., man kennt das. Zu meiner besonderen Überraschung lief mir auch gleich mal mein „kleiner Bruder“ über den Weg, der schräg gegenüber zu lagern pflegte. Unser Camp, bestehend aus bauwagenerfahrenen und anderen Lebenskünstlern, war bestens ausgestattet inkl. Strom satt, lauter Mucke, Kühlboxen etc. und nicht zu zuletzt angenehmen Mitmenschen, so dass man da eigentlich gar nicht wirklich weg wollte. Das Live-Programm lud auch nicht wirklich dazu ein, denn erneut versuchte man, ein „breites Spektrum“ abzudecken, sich einen sozialkritischen Anstrich zu geben und möglichst vielen etwas zu bieten, was letztendlich bedeutete, dass sich aus den Untiefen der „Independent-Szene“ besonders viel Wischiwaschi-Zeug auf den beiden Bühnen tummelte und nicht minder viel waschechtes Junghippievolk barfuß über die kontaminierten Wiesen latschte. Als ich mich dann doch am späten Nachmittag aufraffte, um mich einmal genauer umzusehen und vor allem etwas feste Nahrung in den Magen zu bekommen, stand ich fast ‘ne Stunde für ‘ne Pizza an, aber wie das dann eben auch immer so ist: Meet & Greet, Bierchen an‘ Hals, weiß man.

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Wutzrock bei Tag

Zurück im Camp verweilte man gemeinsam, bis wir uns gegen 22:00 Uhr für den ersten Höhepunkt des Tages aufrafften: Das Hamburger Punkrock-Urgestein schlechthin, die RAZORS, waren glücklicherweise für irgendwen eingesprungen und luden auf der kleinen Bühne zum Schlammcatchen, denn der Boden war mittlerweile so richtig schön durchgeweicht und ich versank knöcheltief mit meinen Samba-Latschen, die vielleicht tatsächlich nicht das ideale Schuhwerk an diesem Abend darstellten. Über die RAZORS hab‘ ich ja schon manches Wort verloren; auch diesmal ebnete das eigene Material den Weg zu hymnischen Coverversionen, die sich mit Dankers oldschoolig-nöligem Gesang fast schon wie RAZORS-eigenes Material anfühlen („We Love You“, „Razors in the Night“, „We’re Coming Back“, „Heroes“ …), zum Teil inbrünstig mitgesungen von einem Freund der Band, bis hin zum dem leider viel zu früh verstorbenen Schwabe gewidmeten „Never Forget“, lautstark unterstützt von Schaub, einem weiteren langjährigen Bandkumpel. Einzelne Gäste aus dem Publikum erklommen ebenfalls die Bühne und tanzten am Rand, die meisten jedoch wateten durch den Matsch versuchten sich an Pogo u.ä. Wie so oft ein eigentlich makelloser Gig, der zu vorgerückter Stunde richtig Laune machte, lediglich der Sound konnte da nicht immer so ganz mithalten: Mal war Sänger Danker zu leise, mal die Gitarre zeitweise nur noch zu erahnen. Währenddessen und im Anschluss: Meet & Drink, müßig zu erwähnen.

Letzter Act auf dieser Bühne an diesem Abend: KEIN HASS DA um Rampensau, Entertainer, Exhibitionist und Szene-Tausendsassa Karl Nagel, der damit seiner Leidenschaft für die US-NYHC-Legende BAD BRAINS frönt. BAD-BRAINS-Songs mit deutschen Texten also, aber auch mit starker eigener Note und auch davon hab’ ich bereits x-mal berichtet – was gibt’s also zu diesem Auftritt noch zu sagen? Z.B. dass der Sound endlich richtig gut wurde und man Karl ansah, wie viel Bock er auf diesen Gig hatte. Vom ersten Song an verspritzte er seine PMA (nicht DNA, ihr Ferkel!) quer übers Gelände, stolzierte und sang mit der Souveränität und dem Selbstvertrauen einer Vielzahl von Gigs im Rücken, konnte sich auf seine bestens eingespielte Band verlassen, kommunizierte mit dem Publikum, improvisierte, wenn es sich anbot und präsentierte irgendwann so stolz wie nerdig sein Hulk-T-Shirt. Als der Regen zum wiederholten Male zurückkehrte, lud er kurzerhand das Publikum auf die Bühne ein, das es sich dort tatsächlich nach und nach einrichtete – bis der Veranstalter sich einzugreifen genötigt sah, aus Sicherheitsgründen, wie er betonte. So wurde der Gig unterbrochen, bis die Bühne weitestgehend geräumt war, doch Karl blieb – nachdem er zuvor bereits einmal den direkten Publikumskontakt gesucht hatte – aus Solidarität unten vor der Bühne im Matsch. Der Gig ging dann auch noch eine ganze Weile weiter, da man bis auf eine einzelne Ausnahme anscheinend sämtliche Songs des Repertoires spielte, was natürlich auch die anfänglich gewöhnungsbedürftige, doch schon bald liebgewonnene Mischung aus HC-Hektik und entschleunigtem Kiffer-Reggae bedeutete. Das war der beste KEIN-HASS-DA-Gig, dem ich bisher beigewohnt habe und ein mehr als versöhnlicher musikalischer Abschluss des Festivals für mich, wenn meine PMA auch recht schnell weitestgehend aufgebracht war, als ich mich wieder der bekackten Realität ausgesetzt sah.

Dafür wurde der nächste Morgen und Vormittag zurück im Camp noch wirklich nett und trotz meines etwas ignoranten und kritischen Einstiegs muss man natürlich den Hut vor dem anscheinend rein ehrenamtlichen Engagement der Festival-Crew ziehen. Vielleicht geht ja nächstes Jahr wieder bischn mehr…

05.08.2016, Monkeys Music Club, Hamburg: THE CASUALTIES + TOTAL CHAOS + TOPNOVIL + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

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+ Disi... who?

+ Disi… who?

Am 05.08.2016 (dem Weltbiertag!) bekamen wir die einmalige Gelegenheit, den „Chaos Sound“-Abend im edlen Monkeys zu eröffnen; nachdem zunächst lediglich die US-Bands THE CASUALTIES und TOTAL CHAOS bestätigt waren, kamen sogar noch die Australier TOPNOVIL dazu – volles Programm also. Doch Hamburg wäre nicht Hamburg, hätte nicht auch an diesem Tag ein wahres Überangebot um die Gunst subkulturell interessierten Publikums gebuhlt. So feierte zeitgleich das Hafenklang sein 20-jähriges Bestehen mit einer gleich zweitägigen Party mit Mörder-Line-Up bei freiem Eintritt, lud der Rondenbarg ebenfalls für umme mit seinem allsommerlichen Open Air usw. usf. Ich sah uns als Vorvorband also schon vor leerer Kulisse den Anheizer machen, zumal ausnahmsweise sogar das Wetter mitspielte und sicherlich eher dazu einlud, sich während des lokalen Supports an der frischen Luft zu verlustieren, statt sich unsere Trümmercombo anzutun. Doch der Reihe nach: Überraschend entspannt war Monkeys-Ralf, der unser um eine Stunde verzögertes Erscheinen problemlos abnickte und vor Ort wusste ich auch, warum: Während der eine oder andere Iro- und Nietenkaiser der fremdkontinentalen Kollegen noch den Toilettenbereich zum Kosmetik- und Frisierstudio umfunktionierte, zog Soundmann Steven unseren Soundcheck in Rekordgeschwindigkeit durch, so dass mir noch genügend Zeit blieb, aufgeregt hin und her zu laufen und vorzuglühen. Für die Punkszene unfassbar diszipliniert bot sich bereits pünktlich zum Einlass ein illustres Bild vor der Tür, zahlreiches Volk hatte sich unlängst versammelt und freute sich auf den Krawallabend.

Organized chaos

Organized chaos

Zu den Klängen von seit Stefs Ausscheiden als Live-Intro benutzten „Les Rebelles“ stieß ich nicht minder pünktlich um 21:00 Uhr auf der Bühne hinzu, an der bereits der riesige THE CASUALTIES-Banner angebracht worden war. Den ausgelutschten Gag, uns daher als die Hauptband vorzustellen, ließ ich dann aber doch in der Gifttüte und wir ließen in unserem auf eine halbe Stunde gekürzten Kompaktset vornehmlich die Songs sprechen. „Victim of Socialisation“ und „Montag der 13.“ waren rausgeflogen, alles andere wurde von meinen Mit-Motherfuckers ziemlich souverän rausgepeitscht, deren Shouter (dat bin ich) sich nur einmal kurz verhaspelte und ansonsten mit dem Mikrokabel tanzte. Wir hatten einen Bombensound auf der Bühne, welch ungewohnter Luxus so’ne hochwertige Monitoranlage doch ist… Meine eingangs erwähnte Befürchtung bestätigte sich glücklicherweise nicht; wir blickten auf eine für unsere Verhältnisse (und vermutlich für die vieler als lokaler Support für drei Hochkaräter auftretenden Nachwuchsbands) stattliche Anzahl Interessierter, die sich offenbar gern unsere Auffassung von Remmidemmi in die Löffel blasen ließen und sich irgendwann sogar zu bewegen begannen! Sachen gibt’s…

Zum Sound der sympathischen Aussies von TOPNOVIL war das ein nicht zu knapper Kontrast. Ich hatte die Band vorher gar nicht auf dem Schirm, mir vorm Gig aber mal zwei Alben angehört. TOPNOVIL scheinen, grob umrissen, so etwas wie die RANCID aus Down Under zu sein, wobei es bei ihnen jedoch wesentlich homogener partykompatibel zugeht, während RANCID ja auch gern mal paar schwer melancholische Nummern oder Downer auf ihre Platten hauen. Bereits im vergangenen Jahr beehrten sie das Monkeys, Support durften seinerzeit die großartigen VIOLENT INSTINCT machen. Spätestens seitdem haben TOPNOVIL offenbar eine nicht ungefähre Fan-Basis in Hamburg, die den Gig vom ersten Akkord an zur Party machten – u.a. die berüchtigte Fucktard Crew, die kurzerhand ihr Banner über das des Headliners hängte. Die Band hatte ihre Amp-Koffer am Bühnenrand postiert und balancierte auf ihnen herum, sprang über die Bretter und zeigte generell viel Bewegungsfreude, setzte Energie frei. Der Drummer bewies ‘nen zünftigen Wumms und der Lead-Gitarrist legte feinste Melodien auf das Riff- und Rhythmusgerüst. Der Pöbel dankte es mit Ausdruckstanz und Ovationen. Ungeachtet Angry Andersons aktueller politischer Verwirrtheit coverte man ROSE TATTOOs „Nice Boys“ und ich sach ma: Wenn das heutzutage noch jemand darf, dann Australier. Dem singenden Gitarrero ging zwischendurch die Klampfe kaputt, so dass ein paar Songs mit nur einer Sechssaitigen auskommen mussten, was ihm jedoch wiederum noch mehr Bewegungsfreiheit eröffnete. Ein die Stimmung hochkochender, aufpeitschender Auftritt einer Band, der man sowohl ihre Live-Erfahrung als auch die unbändige Spielfreude zu jeder Sekunde überdeutlich anmerkte. Respekt!

Vanessa Cetin

Vanessa Cetin

Es dürfte die etwas längere Pause bis zum TOTAL-CHAOS-Auftritt gewesen sein, als ich mich übers reichhaltige Buffet hermachte – welches mich wiederum daran erinnerte, dass das ursprünglich mal Hauptintention für mich war, eine Band zu starten 😉 An den Monkeys sind verdammt gute Köche verloren gegangen, am besten parallel ‘nen Imbiss eröffnen! Im Pub-Bereich hatte es sich übrigens VANESSA CETIN eingerichtet, die mit ihrem Akkordeon zum Schunkeln einlud. TOTAL CHAOS aus L.A. überraschten Mitte der ‘90er damit, auf dem Epitaph-Label keine US-typische Punkrock-Richtung einzuschlagen, sondern den guten alten UK-82-HC-Punk-Sound aufzugreifen und in klangtechnischem zeitgemäßem Gewand zu reanimieren. 1996 erschien mit „Anthems From the Alleyway“ indes ein Album, das deutlich Richtung Streetpunk tendierte und die weitere Entwicklung hatte ich gar nicht wirklich mitverfolgt, doch hat man offenbar auf den seitdem fünf Alben zum eigenen Härtnersound zurückgefunden, ihn verfeinert und ausgebaut. Shouter Rob Chaos scheint die Angepisstheit komplett verinnerlicht zu haben und war schließlich auf der Bühne in seinem Element, als die Band vor allem erst mal eines erzeugte: Druck, Druck, Druck! Bei perfektem Klang wurde das Monkeys von einer infernalischen Aggro-HC-Punk-Walze förmlich überrollt, die einen regelrecht an die Wand drückte. Keine Studioaufnahme kann konservieren, was hier live passierte, welche Atmosphäre hier erzeugt wurde und ihren Widerhall in entfesselten Publikumsreaktionen fand. Die zahlreichen, an den D-Beat gemahnenden Beckenschläge strapazierten Nacken und Ellenbogen, das Uptempo mit seinen sägenden Riffs ging durch Mark und Bein und das heisere Gebelle des Shouters machte keine Gefangenen. Zwischendurch sprang ein merklich angeschossener Typ auf die Bühne und okkupierte das Mikro des Claude-Oliver-Rudolph-Lookalikes am Bass, der ihn gewähren ließ. Das war ungeschliffener HC-Punk as fuck, der eine Aura der Zerstörung entfaltete und bewies, wie wichtig es ist, dass dieser Sound weiterlebt und live auf den Bühnen dieser Welt stattfindet. Danach war ich dann eigentlich auch durch.

Doch zum Entspannen blieb nicht viel Zeit, immerhin waren THE CASUALTIES aus New York City der Headliner und forderten noch einmal volle Aufmerksamkeit. Anfänglich, gegen Ende der ‘90er, mit ihrer „Chaos-Punk“ getauften räudigen und trinkfreudigen Mischung aus Street-/Oi!- und HC-Punk noch gern von elitären Polit-Punks als Dummbatzen und Iro-/Spikes-Stylo-Abziehbilder verlacht, gelang es ihnen im Laufe der Jahre mit musikalisch immer versierteren Platten, inhaltlicher Weiterentwicklung, konsequenter Punk-Attitüde und leidenschaftlichen Gigs, Respekt auch über die Szene hinaus einzufordern und zu erlangen. Die Folge ist, dass auch oder gerade erst recht 2016 ein CASUALTIES-Konzert eine große Abrissparty ist, wenngleich die ersten Publikumsreihen nicht mehr unbedingt dem Mohawk-/Spike-Einheitslook anhängen. Auch Shouter Jorge Herrera pfiff diesmal auf die Stachelrübe und sah mit seiner liegenden Matte fast aus wie ein Glam-Metaller. Doch von den Brettern ertönte natürlich der berüchtigte CASUALTIES-Sound mit seinen hektischen Highspeed-Riffs und fiesem Gekeife, aufgelockert durch die eine oder andere Lead-Melodie und Singalongs. Der Mob drehte nun endgültig durch, es ging gut zur Sache und das Monkeys brodelte, feierte die Band und sich selbst. Fragt mich bitte nicht mehr nach Details, aber ich erinnere mich, mich besonders über die alte Kamelle „Ugly Bastards“ gefreut zu haben, an eine Bühneninvasion bei „We Are All We Have“ und einen bärtigen Zottel mit Halbglatze und beachtlicher Bierplauze, der plötzlich auf der Bühne auftauchte. Nachdem mir beim Versuch, jemanden im Pit aufzuheben, ein Typ unglücklich gegen die Hand gesprungen war (was sich im ersten Moment wie ein komplizierter Trümmerbruch anfühlte, sich aber schnell als harmlose Stauchung erwies), hielt ich mich auch angesichts meines eigenen Gesamtzustands eher im Hintergrund und begab mich erst später wieder nach vorne, als die Meute zunehmend erschöpft war und sich stärker aufs Mitgrölen konzentrierte. Erst gegen halb zwei verließen die CASUALTIES die Bühne und hinterließen ein völlig ausgepowertes, aber glückliches Publikum, das an diesem Abend ‘ne echte Vollbedienung bekommen hatte.

Mit allen Bands samt Anhängen ließ sich übrigens prima auskommen, auch backstage hatten wir viel Spaß inne Backen und die Monkeys-Crew hat eine Rutsche Bier nach der anderen nachgelegt. Dafür und natürlich für diese Auftrittsmöglichkeit noch mal fetten Motherfuckers-Dank. Ein legendärer Abend! Und für die Hamburger Subkultur spricht dann ja auch irgendwie, dass sich bei einem solchen eingangs erwähnten Überangebot anscheinend doch an den verschiedenen Orten jeweils genügend Volk versammelt, so dass zumindest in dieser Nacht wohl niemand in die Röhre gucken musste.

Up the Monkeys, up the Punx!

P.S.: Danke auch an Katharina für die Fotos unseres Gigs.
Professionelle TOTAL-CHAOS- und CASUALTIES-Fotos gibt’s bei Kevin Winiker.

30.07.2016, Menschenzoo, Hamburg: IRISH HANDCUFFS + RESOLUTIONS

resolutions + irish handcuffs @menschenzoo, hamburg, 20160730

Als ich an diesem Samstag gegen 22:00 Uhr den Menschenzoo mit meinem, äh, „DJ-Equipment“ unterm Arm betrat, war ich doch erstaunt, Martin am Eingang lungern und Norman hinterm Mischpult fummeln zu sehen: Des Rätsels Lösung: Obwohl eigentlich gar kein Konzert angesagt war, fand nun spontan doch eines statt. Das (mir unbekannte) „Downpour“-Fanzine hatte kurzfristig die Releaseparty seiner vierten Ausgabe und seines „Friend or Pho“-Tonträgers in den Menschenzoo verlegt, zwei Bands spielten live zum Tanze auf und boten somit auch der aus sämtlichen Provinzen anlässlich der soundsovielten „Turbojugend-Tage“ auf den Kiez gereisten Denim-Fraktion Rock’n’Roll für’n schmalen Taler. So sei es, also Plünnen abgelegt, Darm entleert und mal gelauscht, was da so passiert. In aller Kürze:

Der Zoo war zu 50 bis 66,6 % Prozent gefüllt, als die RESOLUTIONS aus Hannover soundtechnisch ‘ne Mischung aus THE GASLIGHT ANTHEM und LEATHERFACE auffuhren. So was ist natürlich nach erstmaligem Hören immer schwer zu beurteilen; hier und da grub sich ‘ne nette Melodie ins Ohr. Insgesamt hätt’s etwas mehr arschtreten dürfen, das Midtempo war auf Dauer nicht der letzte Schrei. Dafür war‘s aber spielerisch sehr souverän, angenehm unprätentiös und alles in allem sicherlich nicht schlecht – wenn es auch etwas schwer fiel, sich nicht vom Hipster-Look des Sängers irritieren zu lassen.

In der Umbaupause durfte ich dann endlich ein paar Krawallsongs aus der Konserve durch die P.A. jagen, bevor die IRISH HANDCUFFS aus Regensburg mit ziemlich unirischem, US-lastigem Melodic-/Skate-Punk (oder so) mehr aufs Tempo drückten als ihre Kollegen zuvor. Naturgemäß stieg dadurch die Stimmung, die Songs gingen leicht ins Ohr, jedoch ähnlich schnell wieder raus, für den gut angepoppten Melodic-Kick zwischendurch war’s aber ok. Auf Dauer nervte lediglich der nölige Klargesang, da hätte ich mir mehr aggressivere, dreckigere, druckvollere Parts gewünscht. Dass der Sänger das kann, bewies er leider nur sporadisch.

Im Endeffekt beherrschen beide Bands das, was sie machen, sicherlich ziemlich gut, mir persönlich fehlten einige Ecken, Kanten und Alleinstellungsmerkmale. Gut möglich jedoch, dass sich aus der Konserve die Songs nach und nach erschließen und sich diverse Hits herauskristallisieren. Freunde des jeweiligen Subgenres könnten fündig werden. Zurück an meiner Musiksammlung, trennte ich mittels fiesem Hardcore u.ä. die Spreu vom Weizen und wer blieb, bekam im Anschluss ordentlich wat zu Tanzen. Und tatsächlich wurd’s ‘ne amtliche Party. Ich weiß nicht, wie hoch der Turbojugend-Anteil war, aber die Gäste von außerhalb fielen überwiegend positiv auf, feierten, wie es sich gehört und trugen zusammen mit vielen berüchtigten einheimischen Trunkenbolden dazu bei, dass die Nacht ganz nach meinem Geschmack verlief und sich für alle gelohnt haben dürfte. Dabei musste ich noch nicht mal TURBONEGRO auflegen – und von NASHVILLE PUSSY, den TURBO A.C.‘s, PETER PAN SPEEDROCK oder ähnlich überbewerteten Kapellen hab‘ ich immer noch nix 😛

28.07.2016, Vorland, Hamburg: BURT + UPPER CRUST

burt + upper crust @vorland, hamburg, 20160728Wilhelmsburg – Elbinsel, Migrantenhochburg und seit mittlerweile doch geraumer Zeit auch Heimat woanders weggentrifizierten subkulturellen Jelumpes. Alteingesessen ist die Honigfabrik und die Zugezogenen organisieren regelmäßig Konzerte in der Fährstraße, doch das „Vorland“, wo an diesem Abend (die nichts mit Heinz Burt zu tun habenden und auch nicht „just like Eddie“ spielenden) BURT aus dem Saarland sowie die Hamburger Nicht-Crusties UPPER CRUST auftreten sollten, war mir neu. Die Wegbeschreibung klang irgendwie wenig vertrauenserweckend, aber auch neugierig machend konspirativ: Erst mal mit dem Schienenersatzverkehr auf die Insel, vorbei an ‘nem Asylbewerberheim und einer dicken Frau mit freilaufendem, schlecht hörendem Rottweiler, zu Fuß vor bis zur Autobahn und anschließend ein Loch im Gebüsch suchen, durch das es behände zu schlüpfen gilt. Letztendlich nichts, was mich abhalten könnte und als mich näherte, schallten UPPER CRUST schon gut durch die (von einer Regenattacke durchnässten) Botanik, wodurch sie mir die letzten Meter wiesen. Das Gelände erwies sich als eine Art Kleingartenparzelle mitten im Grünen mit kleiner Bühne, Tresen etc., wo sich für einen Donnerstagabend irgendwo in Nirgendwo eine beachtliche Zahl Interessierter zusammengefunden hatte. UPPER CRUST hatten anscheinend gerade angefangen, ihren deutschsprachigen HC-Punk mit ‘80er-Hektik-/Mosh-Metal-Einflüssen runterzuzocken und mussten leider auf ihren Sänger verzichten, der krank das Bett hütete, traten also wieder in der alten Dreierbesetzung an, in der sich der Gesang vornehmlich auf Drummer Lars und Klampfer Tommy verteilt. Der Sound war recht klar und druckvoll und die Performance garstig wie eh und je. Zwischendurch riss Jörg eine Basssaite, was aber schnell geflickt werden konnte. ‘ne Zugabe gab’s auch und laut Lars habe man sich wohl den einen oder anderen Lapsus erlaubt, wovon ich aber bis auf eine Ausnahme nichts mitbekommen habe. Auch zu Dritt wieder geile Scheiße für Freunde der gröberen Kelle!

In der Umbaupause erklärte man mir, dass dieser Ort wohl hauptsächlich für Elektroveranstaltungen genutzt werde und Punk/HC-Konzerte die Ausnahme seien. Das ist zwar bedauerlich, hielt mich aber auch nicht davon ab, mir das eine oder andere Dithmarscher zum „Zahl so viel du willst“-Preis einzuverleiben und langsam auf Temperatur zu kommen. Allzu lange sollte der offizielle Teil des Abends aber nicht mehr andauern, denn die als „Highspeed-Punk“ angekündigten BURT zockten ‘ne Art Powerviolence, was in diesem Fall ultraschnelles Gedresche sekundenkurzer Songs bedeutete, deren Übergänge sich allenfalls erahnen und sich schon gar nicht auseinanderhalten lassen, abgesehen vom einen oder anderen langsam Intro oder abfedernden Mosh-Parts. Der Shouter legte eine Psychopathenfresse auf und wurde leider meist von der Gitarre übertönt. Nach maximal 20 Minuten war der Spuk auch schon vorüber, wonach sich der Witz dann wohl auch spätestens abgenutzt hätte. Wohldosiert macht mir so’n Zeug aber durchaus auch Spaß und die Vorstellung, dass so’ne Band für 15-minütige Auftritte quer durch die Republik gurkt, gefällt mir.

Der Eintritt war übrigens frei, gegen Ende des Gigs ging der Spendenhut um. Angenehmerweise wurde man im Anschluss nicht gleich fortgejagt, im Gegenteil: Eine nicht unbeträchtliche Anzahl Menschen, unter die sich auch einige Flüchtlinge gemischt hatten, blieb vor Ort, führte diverse mehr oder minder gehaltvolle Gespräche, machte sich weiter über die Getränkevorräte her und ließ sich von den Mücken zerstechen. Die Organisatoren spendierten irgendwann sogar das reichlich übriggebliebene Band-Essen, bis wir in mittelgroßer Runde schließlich eine Spelunke für ‘nen gediegenen Absacker in Wilhelmsburg-City suchten, was sich als gar nicht mal so einfach erwies. Allerdings hatte ich auch längst vergessen, dass es ja noch nicht mal Wochenende war und letztendlich kam sowie alles anders… Spitzenabend in außergewöhnlichem Ambiente – bis auf die scheiß Mücken!

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