Günnis Reviews

Kategorie: Bücher (page 11 of 24)

Sören Olsson / Anders Jacobsson – Berts heimliche Katastrophen

Die schwedischen Vettern, Lehrer und Schriftsteller Sören Olsson und Anders Jacobsson sind die Autoren der fünfzehnbändigen Jugendbuchreihe um den pubertierenden Bert Ljung, die dessen Leben vom zwölften bis zum 17. Lebensjahr skizziert. Von 1987 bis 1999 im schwedischen Original und von 1990 bis 2005 ins Deutsche übersetzt bei der Hamburger Verlagsgruppe Friedrich Oetinger veröffentlicht, scheint allen Bänden gemein, dass sie ausschließlich aus Berts Tagebucheinträgen bestehen – Olsson und Jacobsson versuchen sich also in die Psyche eines Schuljungen hineinzuversetzen und seine Erlebnisse aus seiner subjektiven Sicht im intimen Rahmen eines Tagesbuchs zu schildern.

Nachdem ich einst über eine Handvoll aus einer Bibliothek ausgemusterte Bände der Reihe gestolpert war und mir nach einigem Zögern aus Neugierde auf Coming-of-Age-Jugendliteratur den fünften Band durchgelesen hatte, verging viel Zeit, bis mir dann doch der Sinn danach stand, mir Band 6, „Berts heimliche Katastrophen“ aus dem Jahre 1992 (Originalausgabe) bzw. 1996 (deutsche Übersetzung), als Urlaubsstrandlektüre vorzunehmen. Auf rund 150 relativ groß geletterten Seiten inklusive einigen die Figuren karikierenden Schwarzweiß-Illustrationen Sonja Härdins knüpft man nahezu nahtlos an Berts Erlebnisse aus Band 5 an. Die Handlung erstreckt sich über den Zeitraum 15.01. bis 07.06. (die „Tagebucheinträge“ sind einzeln datiert), Bert besucht die achte Klasse und ist 14 bzw. später 15 Jahre jung.

Im Mittelpunkt steht Berts Beziehung zu seiner Freundin Emilia, die sich plötzlich für Berts besten Freund Arne zu interessieren beginnt – und ihn mit Arne betrügt, weshalb die Liebesbeziehung in die Brüche geht. Wurden pubertäre Wechselbäder der Gefühle und Krisen in Band 5 noch weitestgehend ausgespart, versucht man hier zumindest, sich an sie heranzutasten. Bert wird von massiven Selbstzweifeln geplagt und verliert sein Selbstwertgefühl. Dass er weiterhin mit Arne befreundet bleibt und Zeit verbringt, erscheint jedoch etwas sehr seltsam und unwahrscheinlich, zumal der Konflikt zwischen den beiden erst relativ spät und dann auch nur marginal wieder aufgegriffen wird. Jugendlicher Gefühlswelt wird man damit leider kaum gerecht. Die übrigen Geschichten wurden zugunsten ihres Unterhaltungswerts ebenfalls wenig authentisch gestaltet, wobei zumindest Berts Erlebnisse auf Klassenfahrt recht witzig sind. Eine ernstere Auseinandersetzung mit den angerissenen Themen wird generell eher vermieden, es bleibt oberflächlich und oft albern.

Die meist zielgruppengerecht kurzen Sätze wirken erneut kaum wie die eines 15-Jährigen, verfügen aber über ein paar witzige Formulierungen – und enthalten bisweilen sehr eigenartige „Jugendsprache“, die indes der Übersetzung geschuldet sein kann. „Molchen“ für Rummachen habe ich aber bisher ebenso wenig gehört wie „priemen“ im Zusammenhang mit Jugendpartys. Überraschend offensiv (und damit eigentlich nichts ins Buch passend) ist dann folgende Pädophilieanspielung: „Wenn man in die Achte geht, Moped fährt und fünfzehn ist, hat man sich nicht für kleine Gören zu interessieren. Das kann warten, bis man vierzig ist.“ Hintergrund ist, dass Bert sich in eine Sechstklässlerin verknallt, was die Autoren glücklicherweise nicht zum Anlass nehmen, etwaigen perversen Fantasien freien Lauf zu lassen. Mit einer Art Cliffhanger in die Sommerferien enden „Berts heimliche Katastrophen“, deren einzelne Kapitel (= Tagebucheinträge) wieder stets mit einem sinnfreien kurzen Reim wie „Jippije – mein großer Zeh“ enden, wofür ich tatsächlich ein wenig Fremdscham angesichts der missglückten Versuche der Autoren, einen 15-jährigen Tagebuchschreiber zu imitieren, empfinde. Und ich fürchte, so wäre es mir auch gegangen, hätte ich mich selbst noch in diesem Alter befunden und dieses Buch gelesen…

Michael Rudolf / Frank Schäfer – Lexikon der Rockgitarristen – Von Ritchie Blackmore bis Frank Zappa

„Wer will so was heute wissen?“

Im Jahre 1999 widmete sich der Braunschweiger Literaturexperte, Essayist, Ex-Heavy-Metal-Gitarrist und heutige Rock-Hard-Redakteur Frank Schäfer zusammen mit dem Satiriker und Bier-Connaisseur Michael Rudolf erstmals in Buchform ausschließlich der Musik: Das „Lexikon der Rockgitarristen“ ist ein rund 350 Seiten dicker, broschierter Wälzer, veröffentlicht im Lexikon-Imprint-Verlag, inklusive Vorwort, Anhang, Index und einigen Schwarzweiß-Fotos.

„[K]ein Lexikon, sondern dessen satirische Dekonstruktion, eine alphabetisch sortierte Sammlung von Glossen, Polemiken, Kritiken, Kurzgeschichten, Capriccios und Pastichen“ habe, so Schäfer 2008 in „Generation Rock“, all diejenigen erwartet, die glaubten, ein mehr oder weniger seriöses Lexikon in den Händen zu halten. Das las sich so vielversprechend, dass ich eine antiquarische Ausgabe erwarb und im letzten Urlaub Eintrag für Eintrag verschlang. Und das wurde – so sehr ich den antilexikalischen Ansatz auch begrüße – ein verhältnismäßig hartes Brot. Erstmals musste ich mich bei „Arb, Fernando Von“ wundern, denn aus dem sechsten Krokus-Album „One Vice at a Time“ wurde kurzerhand das dritte. Wenn unter „Bartlett, Bill“ behauptet wird, Yngwie Malmsteen habe noch keinen „Song für die Ewigkeit“ geschafft, möchte man dem Schreiber „Rising Force“ entgegenhalten und ihn dazu verdonnern, mindestens eine Stunde in Dauerschleife den „Heaven Tonight“-Clip zu goutieren. Und wer „Metal Health“ für das Quiet-Riot-Debüt hält und die Qualität der Slade-Coverversion „Cum On Feel The Noize“ nicht erkennt (einer der Höhepunkte der an Höhepunkten wahrlich nicht armen „RockPop In Concert“-TV-Übertragung 1984), nun, dem fällt dann eben auch nichts zu Kurt Cobain ein, der reduziert Elvis Costello auf dessen Brille (der Witz ist seit „Buddy Hollys Brille“ von den Ärzten durch), der schreibt Aldis ehemaligen Kassenknüller Karlsquell mit „C“ – und, ganz schlimm: „Trash“ statt „Thrash“.

Mit Tommy Bolin (und David Coverdale als Sänger) wird vermutlich zurecht hart ins Gericht gegangen, doch wer bei „Thrash“ ein H vergisst, dem fällt auch nur Despektierliches zu Slayers Hannemann und King ein. Unter „Hoffmann, Wolf“ werden die größten Accept-Klassiker verkannt und mit dem Eintrag zu Tony Iommi disqualifiziert man sich endgültig in Bezug auf Metal – Schäfer, was zur Hölle war da los?! Foreigner wiederum werden ausgerechnet aufgrund ihrer Hausfrauenrock- und Pop-Hits vorbehaltlos abgefeiert (bei Mike Oldfield hingegen keine Silbe zu dessen über alle Zweifel erhabenen Popsongs). Dass man dann mit Venom nichts anfangen kann, ist nur folgerichtig. Der Janick-Gers-Eintrag ist haltloser Quatsch – als hätte sich Steve Harris jemanden, auf den die von Rudolf oder Schäfer formulierte Beschreibung passt, jemals in die Band geholt. Und ausgerechnet dessen Bandkollegen Dave Murray unterstellt man Kreativlosigkeit und scheint nicht zu schnallen, dass auf „Somewhere in Time“ Gitarrensynthies eingesetzt wurden. Ganz dünnes Eis… Und welcher Tölpel hat eigentlich Adrian Smith‘ Foto ausgesucht? „Harrison, George“ gerät zu einer krassen, sogar beleidigenden Fehleinschätzung der Beatles, nicht satirisch oder witzig, sondern – sorry – tatsächlich für die Tonne (also Trash ohne H). Zu John Lennon kommt dann glücklicherweise Schäfer-Intimus Gerald Fricke zu Wort und übt sich in Schadensbegrenzung.

Typisch verächtlich geht es in Bezug auf Rage Against The Machine weiter, als hätte sich der Schreiber bereits im fortgeschrittenen Rentenalter be- und keinen Zugang zur „Jugendmusik“ mehr gefunden. Wer bisher glaubte, es sei unmöglich, über Anvils Lips zu schreiben, ohne dessen Bühnenshow zu erwähnen, wird hier eines Besseren belehrt. Ein Großteil des Keith-Richards-Eintrags wird für eine frei erfundene, dennoch pointenlose Geschichte eines persönlichen Treffens mit ihm verschwendet, die Kritik an Motörhead-Wurzel ist unangebracht, der Hass auf Bruce Springsteen unverständlich und töricht – und, Jungs, ich bitte euch: Angus Young ritt nicht auf „Roadie-Schultern“ durch die Hallen, sondern auf denen niemand Geringeres als Bon Scott! Um die Liste zu vervollständigen: Achim Mentzel, Pat Metheny (wer?) und Sting werden auch noch abgewatscht. Bauchschmerzen bereitet mir auch die ständige Verwendung des Deppenleerzeichens („Jeff Beck-Tour“), aber das macht manch Musikpostille ja bis heute so. Eklig wird’s indes spätestens bei „Open Air-Festival“ – das schreibt nicht einmal mehr der Metal Hammer so. Überhaupt, die Rechtschreibung: Das Lektorat hat bisweilen ganz schön gepennt, Klöpse wie „Reverenz“ oder „To drunk to fuck“ sind nur zwei Beispiele für doch einige doofe Fehler. Dafür wird mal wieder umso mehr mit dem Fremdwortschatz geprahlt, wie es sich durch Schäfers frühes Œuvre zieht: Equilibrieren, phrygisch, Antizipation, auguren, permissiv,  präludiert, impromptu, nervicht, eskamotiert, okkasionell, balbieren, hypertroph, gustieren, polymerisiert, Kalamitäten, kujonieren, verfumfeiungen, mokant-etüdenhaft, ubiquitär, diaphan, arrondieren, schurigeln, ennuyant, inkommensurabel, schibboleth, intrikat – ich habe nicht jeden Begriff nachgeschlagen… Apropos nachschlagen: Dass manche, aber längst nicht alle Gitarristen unter ihren Künstlernamen aufgeführt sind, macht dieses nicht leichter.

Doch genug gepoltert, das Buch hat auch seine gute Seiten (unter satten 350 – das wäre doch gelacht): Sicher, der schräge Humor ist Geschmackssache, beschert er doch einen Roy-Buchanan-Doppeleintrag und eine Totalverweigerung gegenüber Eric Clapton. Ein fingierter Brief von Vivian Campbells Mutter will jedoch erst einmal verfasst werden, ebenso das Gitarrenschulabschlusszeugnis für Slash oder der vermeintliche Brief Richie Samboras. Bei John Lee Hooker kann man es sich hingegen sehr einfach machen: „Hau, hau, hau, hau.“ (Damit habe ich den kompletten Eintrag zitiert.) Und bei Johnny Ramone musste ich tatsächlich schmunzeln. Bei den irgendwelchen idiotischen Politikern in den Mund gelegten Zitaten hingegen weniger. Aber es soll ja um die guten Seiten gehen: „Chapman, Paul“ gerät zur Ufo-Diskografie und -Historie, manchmal bekommt man es gar mit ganzen Biografien zu tun und den einen oder anderen Eintrag (z.B. „Gregory, Dave“) in Dialogform aufzubereiten, lockert die Angelegenheit angenehm auf. Sehr ausführlich und damit einen echten Mehrwert darstellend ist Gary Moores Eintrag ausgefallen. Ein echtes Pfund ist auch die Berücksichtigung zahlreicher „Ostrock“-Künstler, hier konnte Rudolf seine Expertise auf diesem Gebiet einbringen. Der Musikjournalismus-Kollege Oliver Hüttenreich wird übrigens gleich mehrmals zitiert (und kritisiert). Intertextualität kann man. Und eine weitere Lexikon-typische Wand wird eingerissen, wann immer die Leserinnen und Leser direkt angesprochen werden.

Als Beispiel für die blumigen, mitunter beinahe verzweifelten Versuche, Musik in Sprache auszudrücken, möchte ich folgendes Zitat aus „Evans, Dave“ anführen: „Die höchstens angezerrte und also schön schneidende Beat-Gitarre schickt er durch ein Mehrfach-Echo, das die Rhythmus-Figuren hübsch expressiv verfremdet. So entstehen immer etwas wabernde Riff-Koloraturen, sparsam unterbrochen von behäbigen Solo-Phrasierungen – in der Regel schlurfenden Slides mit godzillalangen Hallschwänzen.“ Und als Beispiel für den humoristischen, polemischen Stil einmal „Garcia, Jerry“: „Zieh einem zehnjährigen ‚Dödel‘ Fausthandschuhe an, dreh ihm eine gewaltige Tüte, achte darauf, daß er sie aufraucht, gib ihm zur Sicherheit auch noch ein paar LSD-Trips, achte darauf, daß er sie alle einwirft, und drücke ihm dann deine Gitarre in die Hand! Na, wie klingt das? Möönsch, ist das nicht Grateful Dead? Joooa doch, könnte man sagen. Nur ohne Bart.“

 Das sind solche Momente, in denen die Lektüre Spaß macht, manchmal verstehe ich zugegebenermaßen aber auch nur Bahnhof. Recht schnell kristallisiert sich indes aber auch heraus, dass sich unüberbrückbare Gräben zwischen meinem Geschmack und dem der Autoren befinden. Während ich das songdienliche Gitarrenspiel bevorzuge, stehen Rudolf und Schäfer auf prätentiöse Soloeskapaden. Während ich auf Punk, Thrash, aber auch auf Maidens gute alte Doppelläufige schwöre, mäandert das Schreiberduo durch Blues- und Hardrock und macht nicht einmal vor Jazzrock halt. So finden sich in diesem Buch nicht nur jeder schnarchige Bluesrocker, sondern auch ausnahmslose alle, die schon mal eine Klampfe richtigherum gehalten und mit Frank Zappa zusammen in einem Raum gesehen wurden. Aus der Glamrock-Feindlichkeit der Schreiber dürfte nicht zuletzt das Übergehen Steve Jones‘ resultieren, was einmal mehr gegen den rudolfschen und schäferschen Geschmack spricht. Wo sind die herausragenden Surf-Rock’n’Roll-Gitarristen vom Schlage eines Dick Dale? Immerhin Link Wray hat es zwischen die Buchdeckel geschafft. Ein Buddy Holly oder Eddie Cochran findet sich dort ebenso wenig wie das The-Clash-Duo Jones/Strummer, aber auch den Magnum-Pomprock eines Tony Clarkin würdigt man mit keiner Silbe, die Nazareth-Saitenfraktion müssen ich oder die genannten Herren übersehen haben, Testaments Alex Skolnick oder der Hamburger Kai Hansen (Helloween, Gamma Ray)? Offenbar nicht der Rede wert. Dasselbe scheint für Mark Reale (Riot) und Mark Shelton (Manilla Road) zu gelten, und für die Ignoranz gegenüber sämtlichen Mercyful-Fate- und King-Diamond-Gitarristen müsste sich der Diamantene eigentlich höchstpersönlich in Form eines Voodoo-Rituals rächen, während die Exodus-Sechssaiter etwas zum Bandnamen Passendes planen. Muss man Jeff Beck dafür wirklich sieben und David Gilmoure fünf Seiten lang abhandeln?

Sei’s drum, denn was mir am sauersten aufstößt ist ganz etwas anderes: Ich bin bestimmt der Letzte, der Schnappatmung bekommt, wenn er in irgendeinem alten Schinken das Wort „Neger“ vernimmt. Dieser Schmöker hier aber ist aus 1999 und „Gitarren-Negerlein“ keine adäquate Beschreibung eines afrikanischen Gitarristen, aus „Der war […] ein Neger […] hatte also allemal den längeren Prügel […]“ über Jerry Seay kann ich nur schwerlich etwas anderes herauslesen als blanken, vermeintlich „positiven“ Rassismus und weshalb es unbedingt betont werden muss, dass es sich bei Prince um einen „Neger“ handele, wird vermutlich auch der Schreiber selbst nicht erklären können. Das wird wohl als Teil des schrägen Humors gedacht gewesen sein, ist aber in die Hose gegangen.

Hat man sich bis zum Anhang durchgearbeitet, entpuppt sich dieser als „Soundcheck“ betitelte, 19 Seiten starke Auflistung von Alben im Buch behandelter Künstler(innen) inkl. Kurzkritiken, deren Auswahlkriterien sich jedoch nicht erschließen – es handelt sich nämlich mitnichten ausschließlich um Empfehlungen. Immerhin korrigiert man hier das vermeintliche Quiet-Riot-Debüt. Aber wieso tauchen irgendwelche Ratt-Platten auf, jedoch nichts (!) von Maiden?

Die erhoffte augenzwinkernde Satire auf Musiklexika ist „Lexikon der Rockgitarristen“ leider nicht geworden, dafür ist es stilistisch zu inkohärent, ist (mir persönlich) die Auswahl häufig zu nichtssagend und dominiert zu sehr die Arroganz von in den 1970ern musikalisch sozialisierten ehemaligen Schlaghosenträgern, die mehr auf verdrogtes Gitarrengewichse stehen als auf gute Songs (die gezeichneten Hippies auf dem Umschlag hätten mir eine Warnung sein sollen). Nichtsdestotrotz habe ich den einen oder anderen musikalischen Tipp für mich mitnehmen können – und ich weiß ja, dass Schäfer nur wenig später sehr vieles sehr viel besser gemacht hat, gar zu einem meiner Lieblingsautoren aus dem Spannungsfeld Musikkritik/Popkultur/Vergangenheitsbewältigung/ „Rockroman“ wurde. Seine „111 Gründe, Heavy Metal zu lieben“ habe ich mir bis heute aufgespart, um mich zunächst einmal mit seinem Frühwerk vertraut zu machen. Nun fühle ich mich bereit und erwarte nicht weniger als sein Opus magnum!

P.S.: Michael Rudolf weilt leider nicht mehr unter uns, was ich vollkommen unabhängig davon, was ich von diesem Buch halte, bedauerlich finde. Wer einen wirklich schönen Nachruf Schäfers auf Rudolf lesen möchte, dem sei die eingangs erwähnte Anekdoten-, Essay-, Glossen- und Rezensionssammlung „Generation Rock“ ans Herz gelegt.

P.P.S.: Dass ich diese Zeilen am Tag der Bekanntgabe des Todes Eddie Van Halens verfasse, ist eine bittere Ironie des Schicksals…

René Goscinny / Albert Uderzo – Asterix, Band 31: Asterix und Latraviata

Der im Jahre 2001 erschienene 31. Band der beliebten frankobelgischen Comic-Reihe „Asterix“ war der erste des neuen Jahrtausends. Wie gewohnt umfasst er 50 Seiten und ist als Softcover-Album im Egmont-Ehapa-Verlag erhältlich. Asterix und Obelix haben hier am selben Tag Geburtstag, was eine Inkohärenz der Reihe darstellt, da sich unterschiedliche Bände in dieser Hinsicht widersprechen. Überraschend kommen ihre Mütter zu Besuch, die ihren Söhnen nicht nur ein römisches Schwert und einen Römerhelm schenken, sondern den Nachwuchs auch endlich unter die Haube bringen möchten. Die noch in Condate arbeitenden Väter der Helden wollen später nachkommen, werden jedoch vom römischen Legionär Bonusmalus entführt und inhaftiert. Der Vorwurf: Sie sollen Centurio Pompejus um eben jene Geburtstagsgeschenke bestohlen haben. Pompejus und Bonusmalus schmieden einen finsteren Plan: Die Schauspielerin Latraviata (der Name ist eine Anspielung auf die Verdi-Oper „La traviata“) soll sich als Obelix große Liebe Falbala verkleiden, um sich ins renitente gallische Dorf einzuschleichen und so helfen, die Gegenstände wiederzubeschaffen. Erstmals seit dem Sonderband „Wie Obelix als kleines Kind in den Zaubertrank geplumpst ist“ zählen also Asterix’ und Obelix’ Eltern zu den handelnden Figuren. Diese werden in eine Geschichte um Intrigen, Lug & Trug, männliche Schwächen und Eifersüchteleien verwickelt, die die Protagonisten arg naiv erscheinen lässt, wenn es einer römischen Doppelgängerin gelingt, nahezu perfekt die ach so geliebte Falbala zu imitieren. Weitaus mehr irritieren jedoch im Jahre 2001 aktuelle Bezüge u.a. auf deutsche Politiker(innen) in den Dia- und Monologen (herumstoibern, ausgemerkelt, Westerwelle) sowie die Verwendung moderner, anachronistischer Vokabeln und Floskeln (Obelix ein Rapper, wehtwotscherixen als Anspielung auf die Weight Watchers, Enerdschi-Drinks, Owerneitkurier, BSE…) sowie ein abgewandeltes Die-Ärzte-Zitat („Manchmal, aber nur manchmal, haben Römer ein kleines bisschen Haue gern!“). Eine Spitze gegen die Deutsche Bahn lasse ich mir ja noch gefallen; in dieser hohen Frequenz verhindern die eng ans Entstehungsjahr gekoppelten Bezüge jedoch, dass auch dieser Band zu einem zeitlosen Klassiker reifen kann. Und ist es diesmal nicht vornehmlich der Zaubertrank, der den Galliern aus der Bredouille hilft, spielen nun bei Asterix’ Rettung zu viele Zufälle mit. Dafür gerät der Schluss dann doch noch recht witzig, nachdem zuvor bereits humorvoll mit Elternklischees gespielt wurde. Ein großer Wurf ist dieser Modernisierungsversuch der Reihe wahrlich nicht geworden, insgesamt lediglich (guter) Durchschnitt.

Mad-Taschenbuch Nr. 27: Al Jaffee – Das Mad-Buch der Erfindungen

Al Jaffees viertes Taschenbuch der deutschen Mad-Ausgabe erschien 1980, stammt im US-amerikanischen Original jedoch bereits aus dem Jahre 1978. Über 160 Schwarzweißseiten erstrecken sich seine in 15 Kapitel unterteilten kreativen Auslassungen zu mal mehr, mal weniger bedeutsamen Erfindungen der Menschheitsgeschichte, die überaus fantasie- und einfallsreich absurde „Erfindungen, die sich zunächst mal nicht durchsetzen konnten“, ökologisch wertvolle „Methoden zur Erzeugung alternativer Energie“, die in dieser Hinsicht eher fragwürdige „heile Plastikwelt“ und vielen amüsanten Unfug in cartoonesker Skizzenform mehr umfassen. Insbesondere das Plastik-Kapitel erweist sich als geradezu visionär, zum Beispiel in Bezug auf Ehepartner… Und im Kapitel „So schützt man Heim und Gesundheit“ folgen direkt die Gesichtsmasken, die mittlerweile pandemiebedingt zum Alltag gehören. Auch Kapitel 5 ist nicht weit von der Wahrheit entfernt, hat es doch geplante Obsoleszenz, also das herstellerseitig geplante schnelle Veralten oder Verschleißen von Produkten, zum Inhalt – einen Nachschlag hält Jaffee in Kapitel 9 parat. Angenehmer sind da die selbstreinigenden Toiletten, die (auf Jaffees Anregung hin?) mittlerweile existieren. Und die Einbau-Einrichtung auf Seite 143 hat Ikea längst perfektioniert. In diesem, dem „Erfindungen, durch die winzige Wohnungen größer wirken“-Kapitel konzentriert sich Jaffee aber etwas sehr auf durch Tapeten hervorgerufene Illusionen, wodurch sich der Witz etwas abnutzt. Meist überwiegt jedoch der Jaffee-eigene Humor zwischen hintergründig und abwegig. Es ist doch immer wieder bezeichnend, wenn die Realität die Satire einholt…

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 5: 1959 – 1960

„Von allen Charlie Browns dieser Welt ist er der Charlie Brownste!“ – Linus, 1. Juli 1959

Der fünfte Band der „Peanuts“-Werkausgabe des Hamburger Carlsen-Verlags deckt die Jahre 1959 und 1960 ab und vereint in gewohnt hochwertiger Ausführung – festes mattes Kartonpapier, Hardcover-Buchdeckel, Schutzumschlag – alle in diesem Zeitraum täglich erschienenen, je vier Panels umfassenden unkolorierten Zeitungsstrips inkl. der großformatigen Sonntagsseiten in streng chronologischer Reihenfolge in ihren deutschen Übersetzungen. Inklusive des sich sehr angenehm lesenden Interviews, das Gary Groth im Juli 2005 mit Schauspielerin und Peanuts-Fan Whoopi Goldberg führte, Groths bekanntem Nachwort, dem Stichwortindex und dem ausführlichen Glossar, das popkulturelle und in den Übersetzungen verloren gegangene Bezüge und Wortspiele erläutert, bringt es auch Band 5 auf rund 330 Seiten.

„Ich mag die Menschheit… Nur die Menschen kann ich nicht ausstehen!“ – Linus, 12. November 1959

Das Cover ziert Patty, die jedoch keine allzu große Rolle spielt. Bemerkenswerter ist jedenfalls Linus, der im Februar ’59 erstmals versucht, sich seiner Schmusedecke zu entwöhnen. Kurz darauf wird es zu einem Riesenproblem, dass Charlie Brown ein Buch aus der Bücherei verlegt hat. Und im Sommer zerstören Lucy und ihr kleiner Bruder Linus sich ständig gegenseitig ihre Sandburgen. Snoopy indes entspannt mittlerweile bevorzugt auf statt in seiner Hundehütte, womit Schulz eines der unverwechselbaren Markenzeichen des Beagles etablierte. All dies steht jedoch im Schatten eines ganz besonderen Ereignisses: Am 26.05.1959 kommt Charlies kleine Schwester Sally zur Welt! Erstmals zu sehen ist sie indes erst am 23.08.1959 – und die Welt der Peanuts damit um eine Attraktion reicher.

Linus, der mittlerweile zur Schule geht, interessiert sich jedoch weitaus mehr für seine Lehrerin Fräulein Othmar, für die er überaus schwärmt und die er in höchstem Maße idealisiert. Um Halloween ’59 herum ist er übrigens tatsächlich ein paar Tage lang ohne seine Schmusedecke zu sehen und lässt sich auch später noch auffallend oft ohne sie blicken. Ob sein Glaube an den „Großen Kürbis“ ihm die Kraft dazu verleiht? Diese köstliche Persiflage auf Aberglaube führt Schulz in diesem Jahr ein und zieht reichlich Humor aus dem Umstand, dass der fantasiereiche und seiner Schwester rhetorisch schnell überlegen gewordene, aber weiterhin kindlich-naive Linus den Halloween-Brauch reichlich missverstanden hat. Charlie hadert unterdessen damit, „wischiwaschi“ zu sein, bevor bedauerlicherweise 1959 das eigentliche Weihnachtsfest gar nicht thematisiert wird. Fiel Weihnachten damals im Hause Schulz aus? Zur Tradition gereift scheinen hingegen mittlerweile Snoopys Attacken auf Linus’ Schmusedecke geworden zu sein, die sich als Running Gag durch die Strips ziehen.

Auch 1960 wird Charlie von den Mädchen massiv beleidigt und gemobbt, während sich Lucy in einem weiteren Dauerbrenner-Motiv unablässig an Schröder heranschmeißt. Im März 1960 macht Snoopy kraft seiner aerodynamischen Ohren den „Hundschrauber“ und steigt damit einfacher in die Luft als die zahlreichen Drachen, die Charlie einfach nicht zum Steigen bekommt. Beim Baseball läuft’s auch nicht besser, Charlie bleibt der ewige Verlierer, was ihm nachts sogar den Schlaf raubt. Für Freude sorgen stattdessen die Episoden um Linus’ Bibliotheksausweis, auf den er mächtig stolz ist, aber eigentlich nicht viel mit ihm anzufangen weiß. Im Juli 1960 überschlagen sich die Ereignisse: Lucy beginnt, politische Cartoons zu zeichnen, und Linus will von zu Hause weglaufen! Glücklicherweise misslingt dieses Unterfangen, sodass sich Sally im August in ihn verlieben kann – zuckersüß! Snoopy betätigt sich sportlich, indem er im Boxring gegen Linus, Charlie und Lucy antritt und zum „irren Kicker“ wird, bevor im Dezember 1960 Beethovens Geburtstag gefeiert wird.

Auffallend ist, dass auch 1960 keine Familienweihnachtsfeiern oder erhaltene Geschenke thematisiert werden. Aufgrund des Stresses, den Linus vor der weihnachtlichen Schulaufführung empfindet, scheint das Fest 1960 gar tendenziell negativ konnotiert. Im Zusammenhang mit Charlies ständigen Misserfolgen und den Demütigungen, denen er sich unverschuldet ausgesetzt sieht, ergibt sich eine Konterkarierung des Humors, eine Art gequältes Lächeln, resultierend aus Alltagssorgen, Erwartungsdruck, Versagensängsten und Gruppendynamik – idealer Nährboden also, auf dem Lucy ihr Geschäftsmodell der Freiluft-Psychologie errichtet, das hier seinen Ursprung feiert. In diesen letzten beiden Jahren des Jahrzehnts ist der Humor noch besser und bisweilen bissiger geworden. Schulz’ Figuren verhandeln einerseits Kinderthemen wie Erwachsene, sehen sich andererseits aber auch gezwungen, sich als Kinder mit Themen auseinanderzusetzen, für die sie eigentlich zu jung sind. Die Abwesenheit jeglicher Erwachsener – weder Fräulein Othmar noch irgendein Elternteil ist je im Bild zu sehen – verstärkt den latenten Eindruck, die Kinder seien auf sich allein gestellt. So bleibt viel Raum zum Philosophieren, mal beinahe altklug, mal kindlich unbedarft. Allem großartigen Humor zum Trotz endet das erste Peanuts-Jahrzehnt mit eben jener Ambivalenz, die zu Schulz’ Markenzeichen wurde und sicherlich viel über den Autor preisgibt – und über den US-amerikanischen Zeitgeist jener Jahre.

Gerald Fricke / Frank Schäfer – Petting statt Pershing: Das Wörterbuch der Achtziger

Auf „Die Goldenen Siebziger: Ein notwendiges Wörterbuch“ folgte ein Jahr später, 1998, die logische Fortsetzung: „Petting statt Pershing: Das Wörterbuch der Achtziger“, ebenfalls im Reclam-Leipzig-Verlag erschienen. Diesmal ohne Beteiligung Rüdiger Wartuschs knöpften sich die Braunschweiger Autoren Gerald Fricke und Frank Schäfer die 1980er vor und zählten damit zu den Pionieren in der literarischen Aufarbeitung des Dezenniums der Postmoderne, die in Deutschland aus der Posthistorie und dem mit ihr verbundenen allgemeinen Krisenbewusstsein entstanden war.  Die Vergangenheit galt als fern, das Subjekt als tot, ehemals fortschrittliche Entwicklungen als überholt. Dadurch wurde wieder alles möglich: Wiederaufnahme traditioneller Gattungs- und Genremuster, Spiel mit ästhetischen Formen, ironische Brechung, Mischung der Stillagen, Zitat und Intertextualität, was sich auch in der thematischen Beschäftigung mit Unbewusstem, Verdrängtem, den dunklen Seiten der Persönlichkeit äußerte. Artistik statt Authentizität wurde zum Leitbild, privat-subjektive Alltagsbefindlichkeiten traten hinter einen neuen Kunst- und Stilwillen zurück.

Stilistisch blieben Fricke und Schäfer der eingeschlagenen Linie treu, sprich: statt eines „seriösen“, trockenen Lexikons verfasste man einen sarkastischen, alphabetisch sortierten Führer durch Politik, Gesellschaft, Literatur sowie Pop- und Subkultur der Jahre 1980 bis 1989 aus hochschulgebildeter bundesdeutscher Perspektive mit tendenziell progressiver Haltung. Mit den ca. 175 Seiten dieses Taschenbuchs bekam man einen etwas größeren Umgang zugebilligt, den man u.a. für ein sieben Seiten langes kommentiertes Quellen- und Literaturverzeichnis gut zu nutzen wusste. Ein knappes Vorwort und eine kurze Einführung sowie elf Schwarzweißbilder runden das Buch ab.

Sich dieses Wörterbuch im Jahre 2020 während eines (von der Covid-19-Pandemie leider empfindlich unterbrochenen) grassierenden popkulturellen ‘80er-Retrotrends zu Gemüte zu führen, das zudem nun bereits 22 Jahre auf dem Buckel hat, erlaubt eine spezielle Sichtweise sowohl aufs Jahrzehnt als auch auf dieses Buch, die die Verfasser damals natürlich noch nicht haben konnten. Bereits in ihrem ‘70er-Wörterbuch hatten sie durchblicken lassen, wahrlich nicht die größten ‘80er-Fans zu sein. Doch am Ende jener Dekade stand die überraschende Erkenntnis, dass die Apokalypse ausgeblieben und stattdessen der sog. Ostblock relativ sang- und klanglos in sich zusammengefallen war. Verglichen mit den Desillusionen und dem Wahnsinn, die in den ‘90ern über vernunftbegabte Menschen hereinbrachen, muten sie jedoch in der Retrospektive paradiesisch an. In den ‘90ern galt vieles als überholt und peinlich, was in den ‘80ern noch angesagt war – ein Irrtum, wie man längst weiß. Für diese Erkenntnis musste man mutmaßlich jedoch erst einmal die ‘90er überwinden, ergo findet sie sich noch nicht in „Petting statt Pershing“, dessen Titel einer Losung der Friedensbewegung entlehnt wurde. Und vom angeblich schon Ende der ‘90er eingesetzten ersten ‘80er-Revival habe ich nichts mitbekommen – wenn, dann muss es sich um ein kurzes Strohfeuer oder eine Mogelpackung (wie z.B. Modern-Talking-Remixe mit Dancefloor-Beats) gehandelt haben.

Nichtsdestotrotz ist dieses Wörterbuch weit weniger aggressiv anti-‘80er ausgefallen, als ich befürchtet hatte, überwiegend bietet es einen recht nachvollziehbaren Rundumschlag zwischen Einordnung und Polemik, der sich an diejenigen richtet, die selbst dabei gewesen sind. Beim „Alternatives Leben“-Eintrag handelt es schon beinahe um eine in sich abgeschlossene Kurzgeschichte, John Hughes „Breakfast Club“ hat man verstanden und würdigt ihn entsprechend, verrückte Vergleiche wie der Rainald Goetz‘ mit John Belushi gefallen mir ebenso wie der Raum, der (mutmaßlich Schäfers) Literaturkritik eingeräumt wurde – Ulla Hahn z.B. erstreckt sich über drei Seiten, auch Motörhead wird angemessen viel Platz geschaffen, das Videospiel „Pacman“ tiefenpsychologisch interpretiert und gegen Wim Wenders‘ „Paris, Texas“ ausführlich polemisiert. Genug davon, gehen wir über zur Kritik: Mit Popmusik stand man offenbar so sehr auf Kriegsfuß, dass sich zahlreiche Flüchtigkeitsfehler einschlichen (oder hatte man Sorge, bei korrekter Schreibweise Gema-Abgaben leisten zu müssen?): Bananarama sangen „talking Italian“, nicht „talking Italia“, der Queen-Hit hieß „I Want To Break Free“ (hier unterschlug man das Personalpronomen), in Depeche Modes „People Are People“ hieße es korrekt es statt „what…“ „WHY should it be“, bei „U2 – Where The Streets Have No Names“ dichtete man einen zweiten Plural dazu und aus Grandmaster Flash machte man „Grandmaster Flesh“. Ähnliche Fehler finden sich unter „Conan“, wo man dem Filmwissenschaftler Dr. Rolf Giesen mit einem zweiten „s“ an Schärfe verleiht, und unter „Kultur ‘88“, wo Loriot hilflos mitansehen muss, wie aus seiner Komödie „Ödipussi“ das Russ-Meyer-Vehikel „Ödipussy“ wird. Und schickte es sich 1998 tatsächlich noch, US-amerikanische Basketballer als „Neger“ zu titulieren?

Den Versuchen, die Friedensbewegung derartig undifferenziert zu verhöhnen, dürfte das reaktionäre Lager kräftigen Applaus gespendet haben. Echte Männer finden Stevie Wonders „I Just Called To Say I Love You“, jene wunderschöne Liebeserklärung mit ihrem warmem Bass als Herzschlag, natürlich zutiefst kitschig und widmen der Attacke auf dieses Stück einen von nur zwei Eintragen unter „I“. Zugegeben, die dem „Kinder an die Macht“-Eintrag zugrundeliegenden Überlegungen in Bezug auf den gleichnamigen Grönemeyer-Song kamen mir auch, Gerhard Henschels ehrrührendes und zynisches Zitat über Reinhard Mey ist jedoch eine einzige Frechheit, deren Abdruck man sich besser geklemmt hätte. Einen den Rahmen  des Buchs sprengenden Eindruck vom Facettenreichtum der ‘80er liefern die Abschnitte „Erfindungen“ und „Zum goldenen Schluß: Was noch fehlt“, unter denen einfach aneinandergereiht wird, worüber man nicht schreiben wollte, konnte oder durfte. Dafür geizte man nicht mit Fremdwörtern und veralteten Vokabeln, was der ohnehin mitunter etwas arroganten Schreibe der Verfasser einen bisweilen unangenehm elitären Duktus verleiht: Autochthonen, kujoniertisch (gibt’s das Wort überhaupt?), rousseauistisch, Trouvaille, extemporiert, Chinoiserie, pyknisch, alludierend, onomatopoetisch, anheischig, insinuieren, kobolzen, lukullisch, Troglodytenkino, saturiert, opak, akzeliert und karriolen. Glückwunsch, Jungs, da braucht man gleich ein weiteres Wörterbuch.

Definitiv fehlt ein Eintrag zum Thema Heavy Metal, was Schäfer zutiefst bedauerte und fortan verstärkt als Autor von Musikbüchern in Erscheinung trat und im Jahre 2001 sogar ein Werk gleichen Titels veröffentlichte. Und das noch einer gewissen juvenilen Wortschatzprahlerei geschuldete Jonglieren mit ungebräuchlichen Begriffen bekam er später bekanntlich auch noch weitestgehend gezähmt. Mein mit den Jahren retrospektiv gewachsenes, persönliches sympathisierende Interesse für (zumindest für jemand subkulturell Sozialisierten) größere Teile postmodern geprägter, sich neue Freiheiten zunutze machender Populärkultur der ‘80er teilen Schäfer und Fricke in diesem Band sicherlich nicht – doch würde es mich kaum wundern, betrachteten sie heute das eine oder andere doch aus einem etwas anderen Blickwinkel und kämen sie mitunter zu anderen Schlüssen. Mit seiner zwischen seinen Buchdeckeln verschriftlichten Haltung den ‘80ern gegenüber ist „Petting statt Pershing“ jedenfalls sehr ‘90er.

Zum Abschluss ein Netzfundstück zum Thema:

Frank Miller / Klaus Janson / Lynn Varley – Batman: Die Rückkehr des dunklen Ritters

Zu US-Comiczeichner Frank Millers ersten erfolgreichen Arbeiten gehört seine revolutionäre Adaption des Batman-Stoffs, die als „The Dark Knight Returns“ im Jahre 1986, ursprünglich in vier Bänden, veröffentlicht wurde und eingedeutscht o.g. Titel trägt. Die deutsche Fassung erschien erstmals 1989 und liegt mittlerweile in mehreren verschiedenen Auflagen vor. Meine ist der 2017 im Panini-Comics-Verlag erschienene, 228 Seiten starke Hardcover-Band, der neben Millers und Jansons von Varley kolorierten Zeichnungen die überarbeitete Übersetzung Steve Kups‘ und Jürgen Zahns enthält. Erweitert wurde diese Ausgabe um eine Einleitung Jürgen Zahns, ein ausführliches Vorwort Millers, ein Interview Brian Azzarellos mit Miller aus dem Jahre 2015, Millers erstes Exposé, alternative Coverbilder, Skizzen und ein Nachwort Christian Endres‘. Volles Programm also, für seine 25,- EUR bekommt man einen ordentlichen Gegenwert.

Um den stagnierenden Verkäufen der DC-Comics entgegenzuwirken, entschied man sich seinerzeit zu einem im DC-Multiversum mutigen, radikalen Schritt: Batman war deutlich gealtert und befand sich in einem selbstauferlegten Vorruhestand, Superman hatte sich unlängst enttarnt und diente nun dem US-Präsidenten und der bzw. die später hinzustoßende Robin ist weiblich. Potzblitz, das hatte es zuvor nicht gegeben. Wann immer die Reihe bisher einen Reboot erhalten hatte, war Batman wieder ein topfitter, moralisch über jeden Zweifel erhabener junger Mann, an Supis Geheimidentität wurde nicht gekratzt, Robin war stets ein Junge – und sollten die vielen verschiedenen Zeichner und Autoren doch einmal erzählerisch miteinander kollidiert sein und Widersprüche produziert haben, wurde das Problem gelöst, indem man einen der Handlungsstränge schlicht zu einem parallel auf einer weiteren Erde des Multiversums stattfindenden erklärte.

Dieser Batman oder vielmehr dieser 55-jährige Bruce Wayne ist unter Millers Federkiel nun jemand, der in den 1980ern desillusioniert von Batman in der dritten Person spricht und, noch immer mit Butler Alfred auf seinem Anwesen am Rande Gotham Citys lebend, seine doppelte Identität wie eine gespaltene Persönlichkeit behandelt – im Prinzip ähnlich wie bei ehemaligen Gegenspielern à la Harvey „Two-Face“ Dent. Diesem hat er eine plastische Operation finanziert, um seine Resozialisierung zu unterstützen. Als Batman trat er lange nicht mehr in Erscheinung, die Stadt wird mittlerweile von einer brutalen Gang, die sich „Die Mutanten“ nennt, in Atem gehalten; Gotham wird stärker von Kriminalität erschüttert als je zuvor. Diese gibt letztlich den Ausschlag dafür, dass er wieder als Batman auftritt; zeitgleich tritt Harvey Dent wieder auf den Plan und droht, die Twin Towers (!) dem Erdboden gleichzumachen. Batman bereitet sich auf den Kampf gegen den Mutantenführer vor und findet in Carrie Kelly ein Mädchen, das er zum neuen Robin ausbildet.

Doch die öffentliche Wahrnehmung hat sich geändert: Es findet eine öffentlich geführte Debatte über die Legitimität der Batman’schen Selbstjustiz statt. Der US-Präsident beauftragt gar Superman damit, Batman aufzuhalten. Und tatsächlich hat sich eine Gruppierung gebildet, die sich „Batmans Söhne“ nennt und mit unverhältnismäßig brutalen Mitteln gegen Kleinkriminelle vorgeht. Batmans alter Erzfeind, der Joker, wiederum wird vom naiven Psychologen Dr. Bartholomew Wolper als geheilt erachtet, ohne zu ahnen, dass Batmans Rückkehr auch dessen schwerstkriminelles, psychopathisches Wesen reaktiviert. Schafft Batman die Psychopathen, die er bekämpft, im Endeffekt also selbst? Oder muss er als Sündenbock einer sich verändert habenden Gesellschaft und eines Politik- und Mediensystems herhalten, in dem das Pochen auf Prinzipien wichtiger geworden ist als Menschenleben, in dem sich die Verhältnismäßigkeiten vollkommen verzerrt haben? Als aus dem Kalten Krieg zwischen den Systemen ein heißer wird, muss Superman eingreifen und versuchen, die tödlichen Folgen der aggressiven US-Außenpolitik einzudämmen…

Frank Miller zieht mit „Die Rückkehr des dunklen Ritters“ sämtliche Register, unter Atomkrieg und dem Tod des Jokers macht er’s nicht. Die Vorgeschichte(n) Batmans integriert er meisterhaft in die Erzählung und entwirft ein psychologisch (das besondere Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Joker und Batman) und gesellschaftlich komplexes Szenario, das die Realität der 1980er auf- und überzeichnet auf die Spitze treibt und in Teilen den Desillusionen der 1990er vorweggreift. Miller ersetzt konventionelle Comic-Panels durch Fernsehapparate: Große Teile der Geschichte werden in Form von Nachrichtensendungen und Talkshows erzählt, die die Debatten bestimmen und anheizen – und sogar Serienmördern wie dem Joker ein Forum bieten, zum Sprachrohr seines behandelnden Psychologen und schließlich seiner selbst werden. Miller führt vor Augen, wie damals, in den Prä-World-Wide-Web-Zeiten, die Außenwelt wahrgenommen und konsumiert wurde: Übers TV-Gerät, das als kleiner, streng umrahmter Kasten in schematisch exakt angeordneten Panel-Grids in seinen Zeichnungen eine gewisse Form von Klaustrophobie erzeugt. „Die Rückkehr des dunklen Ritters“ ist auch ein abstrahiertes Porträt der Generation TV. Als Batmans Fürsprecherin tritt mit einer ebenfalls gealterten, dick gewordenen Lana Lang eine weitere altbekannte Figur auf, was beweist, wie vertraut Miller mit dem Batman-Kosmos ist.

Zunächst einmal bekommen der sensationsjournalistische Debattenstil des medialen Overkills und Supermans plumper Patriotismus ihr Fett weg, später dann Ronald Reagan, der den Kalten Krieg für Ablenkungsmanöver von US-immanenten Missständen instrumentalisiert und letztlich gar einen Atomschlag provoziert. Miller & Co. illustrieren anschaulich dessen Folgen und lassen die USA in einem nuklearen Winter versinken. Batman tut sich mit Oliver „Green Arrow“ Queen zusammen, der ihn in seinem finalen Kampf unterstützt, welcher weitere Tode bekannter Figuren fordert und am Ende einen neuen Status Quo schafft, der mit einigen Tabus in Bezug auf die Batman-Reihe bricht. Miller konnte sich also so richtig austoben und bekam ungewöhnlich viele Freiheiten für dieses Projekt, das erzählerisch dem Neo-Noir ebenso verhaftet ist wie apokalyptischer Dystopie, Medien- und Institutionskritik, der Darstellung von Menschen in Extremsituationen und – ja, auch: etwas Humor, und zwar in seiner sarkastischen Ausrichtung. Dass all diese Ingredienzien auch dramaturgisch derart adäquat ineinandergreifen, dürfte eine der größten Herausforderungen gewesen sein. Abstriche muss man jedoch beim Realismus in Kauf nehmen (da wird in Band 2 beispielsweise von einem Maschinengewehrfeuer lediglich der Geiselnehmer getroffen, nicht aber das Kind), generell geht der Actionanteil häufig zu Ungunsten des Realismus – allen körperlichen Wehwehchen des Bat-Seniors zum Trotz.

Demgegenüber steht Millers etwas kritzeliger und stellenweise regelrecht unübersichtlicher Zeichenstil, bisweilen wirken die Zeichnungen gar regelrecht plump. Das ist gerade für die Freunde und Freundinnen der ’70er/’80er-Ära gewöhnungsbedürftig, sieht nach ungebundenem, sich seine Freiheiten herausnehmendem Independent-Stil aus, kann aber bis zum Schluss nicht ganz zur erzählerischen Qualität aufschließen. Nichtsdestotrotz stand „Die Rückkehr des dunklen Ritters“ seinerzeit für eine neue Comic-Ästhetik und machte das Medium nachhaltig für ein erwachsenes Publikum interessanter. Schade nur, dass Two-Face so bald überhaupt nicht mehr erwähnt wird – so rund „Die Rückkehr des dunklen Ritters“ als in sich abgeschlossene Graphic Novel auch erscheinen mag, es wirkt, als habe man das gute alte Doppelgesicht glatt vergessen.

Hartmann von Aue – Erec

Hartmann von Aues „Erec“ entstand, so vermutet man, gegen Ende des zwölften Jahrhunderts und gilt, wenn auch basierend auf dem französischen „Erec et Enide“ aus der Feder Chrétien de Troyes’, als erster deutscher Artusroman, also jenem Kanon ritterlicher Sword-&-Sorcery-Fantasy-Sagen um den König mit seiner berühmten Tafelrunde. Geschrieben wurde diese Adaption im Versmaß in heute wie eine Fremdsprache anmutendem Mittelhochdeutsch. Die Studienausgabe aus dem Reclam-Verlag bietet sowohl die originale mittelhochdeutsche Schrift als auch eine neuhochdeutsche, also lesbare, Übersetzung, für die die Reime des Versmaßes ignoriert werden, in der Prosaform jedoch das Versmaß insofern beibehalten wird, dass Zeile für Zeile übersetzt wird, also stets Original und Übersetzung direkt gegenüberstehen. Ferner umfasst der über 700 Seiten starke Band im Taschenbuchformat einen umfangreichen Anhang, mit Hintergrundinformationen zur Überlieferungssituation und der Arbeit an dieser Ausgabe, einem ausführlichen Kommentar, Literaturhinweisen und einem Nachwort.

Erec, der Sohn des Königs Lac, hat noch keine „Aventüre“ bestanden und muss deshalb zurückbleiben, als fast alle anderen zur Jagd ausreiten. So begibt er sich auf einen Ausflug mit der Königin Ginive und ihren Hofdamen, währenddessen man einen von einem Zwerg und einer Dame begleiteten Ritter am Horizont erblickt. Die Königin möchte wissen, um wen es sich handelt, und schickt eine Hofdame vor, um dies in Erfahrung zu bringen. Doch der Zwerg lässt sie nicht zu seinem Herrn durch und schlägt sie gar mit seiner Peitsche, als sie weiter zum Ritter vordringen möchte. Gedemütigt kehrt sie zurück, woraufhin der unbewaffnete Erec zum Zwerg eilt und sich ebenfalls seinen Geißelschlag abholt. Diese Entehrung will Erec nicht auf sich sitzen lassen und verfolgt den Ritter, der sich als Iders entpuppt, samt dessen Gefolge bis zur Burg Tulmein des Herzogs Imain. Er findet eine Unterkunft beim verarmten Coralus, der mit seiner schönen Tochter Enite zusammenlebt, und beschließt, auf Tulmein im Sperberkampfturnier gegen Iders anzutreten. Er versichert Coralus, Enite im Falle eines Turniersiegs zur Frau zu nehmen. So geschieht es, Iders muss nach einem erbitterten Kampf gegen Erec klein beigeben und Erec heiratet Enite am Artushof.

Erec und Enite ziehen auf den Hof Garnant seines Vaters, wo er die Herrschaft übernehmen soll. Erec und Enite ziehen es jedoch vor, im Bett zu bleiben, worüber Erec seine Pflichten vernachlässigt und zum Gespött seiner Untertanen wird. Daraufhin verlässt er den Hof auf der Suche nach Abenteuern und verbietet seiner ihn begleitenden Frau das Wort. Um ihren Mann vor Angreifern zu warnen, verstößt sie jedoch mehrmals gegen sein Gebot, woraufhin er sie wie eine Sklavin behandelt und zum Führen der den Angreifern abgenommenen Pferde verdonnert. Erec muss sich im weiteren Verlauf zahlreicher weiterer Gefahren erwehren, kämpft gegen Gauner und Edelmänner, rettet jemanden unter Einsatz seines eigenen Lebens vor zwei brutalen Riesen und wird schwerstverletzt. Zu Enite wird er später sagen, dass sein ihr auferlegtes Sprechverbot lediglich ein Test ihrer Aufopferungsbereitschaft und Treue sein sollte. Im Finale schließlich bezwingt er als erster Held überhaupt den Hünen Mabonagrim, der das Leben zahlreicher Edelmänner auf dem Gewissen hat. Am Ende geht er zurück nach Garnant und herrscht dort mit Enite gerecht, ohne Fehl und Tadel, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Soweit zum Inhalt dieses unbestritten historisch unheimlich bedeutsamen Artusromans. Die neuhochdeutsche Übersetzung stellt einen annehmbaren Kompromiss aus Beibehalt der Versstruktur und allgemeinverständlicher Lesbarkeit dar, die, so mein Eindruck, auch nicht ganz so übertrieben/gezwungen altertümlich zu klingen versucht wie andere solcher Übersetzungen. Auch wenn man sich nicht sonderlich für Artusromane interessiert, lässt sich das Buch relativ stolperfrei und rasch rezipieren. Ob es sich um einen formvollendeten Genuss handelt, dem sich immer mal wieder als solcher zu erkennen gebenden und seine Zuhörer(innen) bzw. Leser(innen) direkt ansprechenden Erzähler bei seinen Ausführungen zu folgen, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Er versichert die Glaubhaftigkeit der Geschichte, die er von einem Freund erfahren haben will und lediglich weitergäbe. Wer dieser Freund sein soll, verrät er nicht, stellenweise räumt er aber ein, wie phantastisch das alles klingt und zitiert sogar sein imaginäres Publikum! Heutzutage wissen wir, dass das billige Taschenspielertricks sind, ähnlich dem Hinweis „basierend auf wahren Begebenheiten“ manch Genrefilm-Schlockers.

Wie komme ich jetzt auf den Genrefilm? Weil mir die Artusromane so etwas wie der Ursprung der Sword-&-Sorcery-Fantasy zu sein scheinen, der viel Sword und immerhin ein bisschen Sorcery bietende Erec also so etwas wie der Urahn Conan des Barbars und Artverwandter (Ator z.B. – allein deshalb hier erwähnt, weil der so viel lustiger ist als Conan) sein dürfte. Bei diesen handelt es sich zwar um Barbaren, die sich in ihrem Verhalten jedoch nicht maßgeblich von dem der ach so edlen Ritter unterscheiden. Beiden Gattungen (wenn man sie denn so nennen will) ist gemein, dass der jeweilige Held, ob nun Ritter, Barbar oder wer auch immer sich durch mittelalterliche Fantasy-Welten schwertschwingend schlagen muss, einfach immer das entscheidende Quäntchen versierter, besser, stärker als sein oft scheinbar übermächtiger Gegner ist. Ein echter Supermann eben – und damit ein recht stumpfer Topos. Darum scheint es bei Erec jedoch gar nicht unbedingt vorrangig zu gehen, bzw. fungieren diese Heldenepisoden als Aufhänger für Verhandlungen von Ehrhaftig- und -losigkeit, Scham und Pein, Gewalt und Gnade und letztlich für Erecs Entwicklung vom übermütigen Jungspund zum vorbildlichen Ritter und verantwortungsbewussten Ehemann und Herrscher, die sich möglicherweise auch als symbolträchtige Allegorie auf den Lebensweg oder zumindest Teile dessen der Normalbevölkerung lesen lässt, als eine Art Lebensratgeber gewissermaßen (Übermut tut selten gut, kämpfe mit Verstand und lass Gnade walten, ruhe dich nicht auf deinen Lorbeeren aus, stelle dich den Herausforderungen des Lebens und übernimm Verantwortung, it’s a long way to the top usw.).

Erecs Verhalten gegenüber Enite, der, wie der Erzähler nicht müde wird zu betonen, allerschönsten aller schönen Frauen, rechtfertigt das dennoch nicht und irritiert nachhaltig – so sehr, dass weder Enite, die ihr Leben dem Erecs vollständig unterordnet, noch Erec als Identifikationsfiguren vollumfänglich taugen. Und wie auch im Nibelungenlied enthält „Erec“ einige Stilistik, die heutzutage nicht ohne Grund als schlechter Stil gilt, beispielsweise heillos übertrieben detaillierte Beschreibungen besonders wertvoller Gegenstände oder schier endlose Aufzählungen, ganz zu schweigen von diversen schwarzweißmalerischen Idealisierungen. Was damals wahrscheinlich für basses Erstaunen gesorgt hat, wirkt heute eher ermüdend. Dennoch: Kann man auch außerhalb eines ÄdL-Seminars ruhig mal gelesen haben – allein schon, um festzustellen, wie wenig sich klassische Topoi – ob nun in Form der „Heldenreise“, im Fantasy-Kitsch oder in Ästhetik und Inhalt sog. Epic-Metal-Bands – bis heute geändert haben.

Gerald Fricke / Frank Schäfer / Rüdiger Wartusch – Die Goldenen Siebziger: Ein notwendiges Wörterbuch

Eine notwendige Kritik

Die „Griffel. Magazin für Literatur und Kritik“-Herausgeber Frank Schäfer und Rüdiger Wartusch taten sich mit Gerald Fricke für das 1997 im Reclam-Leipzig-Verlag veröffentlichte „notwendige Wörterbuch“ „Die Goldenen Siebziger“ zusammen, das eine lose Tradition lexikalischer Bücher lostrat, die der ehemalige Gitarrist der Metal-Band Salem’s Law und spätere Popkultur-Essayist und Romanautor Frank Schäfer zusammen mit wechselnden Koautoren verfasste. Allen gemein ist die humoristische bis satirische Perspektive auf die jeweiligen Inhalte, es handelt sich also gewissermaßen um Mock-Wörterbücher/-Lexika. Der Startschuss dieses Braunschweiger Klüngels war diese Retrospektive auf die Jahre 1970 bis 1979 im Taschenbuchformat, wenngleich das Jahrzehnt streng genommen von 1971 bis 1980 reichte. Rund 160, von neun Schwarzweißbildern aufgelockerte und um eine kurze Einführung, ein Wondratschek-Zitat und ein Vorwort ergänzte Seiten lang wird also jener Zeitraum alphabetisch sortiert vom in eben jener Zeit sozialisierten Trio in seine einzelnen Versatzstücke zerteilt, neu zusammengesetzt und aufgearbeitet. Der bildungsbürgerlich-akademische Hintergrund der drei Autoren kommt dabei ebenso deutlich zur Geltung wie deren tendenziell progressive Haltung, wenn sie versuchen, die Bereiche Politik, Gesellschaft und Pop-/Subkultur sowie – natürlich – Literatur subjektiv, aber in breitem Umfang abzudecken.

Der Umstand, dass sich in den 1970ern Goutierbares und Scheußliches in etwa die Waage hielt, zwang die Autoren zu einer Unterscheidung in „gute Siebziger“ und „schlechte Siebziger“. Da das Buch inmitten der ’70er-Retrowelle der beschissenen Neunziger (mein Titelvorschlag für ein ’90er-Lexikon) erschien, dürfte dieser es sich auf den ersten Blick etwas einfach machende Kniff geholfen haben, ein kritisches Bewusstsein (wieder-)herzustellen, wenngleich man sich eigentlich an ein Publikum richtet, das die ’70er selbst erlebt hat und alles kennt oder zumindest kennen sollte – also an Nostalgiker(innen) und deren Subspezies. Dass nicht jeder Gag sitzt: geschenkt. Zwischen allem Sarkasmus und aller Polemik muss man auch nicht immer – schon gar nicht mit 23 weiteren Jahren Abstand – einer Meinung mit den Verfasserin sein, denn grundsätzlich ist die offensiv vorgetragene Haltung erfreulich, versteht sie es doch, insbesondere politischen und Mainstream-medialen Phänomenen mit den gebotenen hochgezogenen Augenbrauen zu begegnen. Leider ist nicht immer alles allgemeinverständlich, aber a) was ist das schon?, und b) bleibt das die Ausnahme, elitäre Akademikerschreibe weitestgehend gezügelt.

Dennoch: Ohne Vorkenntnisse wird wohl niemand aus dem Eintrag zum NATO-Doppelbeschluss schlau. Und war „Klimbim“ wirklich so schlimm? Beim „Sandmännchen“ jedenfalls liegen sie definitiv falsch: Ich habe beide Varianten gesehen und bin Augenzeuge, dass der DDR-Sandmann seinem Pendant aus dem kapitalistischen Ausland überlegen war (und ist). Schwach auf der Brust sind die Einträge über Paul Breitner und McDonald’s, auch der zu Schlöndorff ist nicht nur aus Filmhistorikersicht ungenügend. Außerdem dürfte es sich um die einzige deutsche ’70er-Rückschau handeln, die die RAF nahezu komplett ausspart. War das bewusst als eine Art Statement gedacht? Unter „Punk“ muss man sich enttäuschenderweise mit einer nichtssagenden Anekdote begnügen. Skandalös falsch ist gar die Definition von „Oi“: Diese Punk-Strömung hat einen eigenen Eintrag bekommen, in der sie rein politisch rechts verortet wird. Hereingefallen, kann man da nur sagen – und anmerken, dass ein wenig Recherche Abhilfe geschaffen hätte.

Positiver fällt der Hang der Autoren zur Literatur(-kritik) auf, der sich in relativ ausführlichen Einträgen beispielsweise zur Neuen Subjektivität niederschlägt. Mit Vergnügen habe ich – als Auto-Laie und -Ignorant wohlgemerkt! – die Absätze zu unterschiedlichen Kfz-Modellen gelesen. Mein persönlicher Höhepunkt findet sich jedoch unter „U“ wie „Unsere kleine Farm“: Die für den Verriss dieser vermutlich tatsächlich unerträglichen Sonntagnachmittags-Heile-Welt-Familienserie exemplarisch herangezogene Handlung einer Episode erscheint mir alles andere als abwegig, denn auch ich habe zeitweise in der Schule nichts mehr mitbekommen, weil ich mich trotz Kurzsichtigkeit konsequent einer Brille verweigerte, haha…

Für ein Debüt ist „Die Goldenen Siebziger: Ein notwendiges Wörterbuch“ eine annehmenswerte Einladung zu einer durchaus vergnüglichen Reise durch die Untiefen, Höhe- und Tiefpunkte sowie Absurditäten der ’70er aus der Perspektive bundesdeutscher, gebildeter jünger Männer, die jedoch bereits andeuten, was sie von den ’80ern halten. So liegt mir auch der Fricke/Schäfer-Nachfolger „Petting statt Pershing: Das Wörterbuch der Achtziger“ vor, von dem ich schon jetzt weiß, dass mein Widerspruch wohl wesentlich vehementer ausfallen wird als zu diesem handlichen Büchlein, dem in jedem Falle ein paar mehr Bilder gutgetan hätten – aber einen bunten Wälzer voller großflächiger Abbildungen bei Verdopplung der Seitenzahl dürfte einem solchen Debütantentrio wohl kein Verlag finanziert haben. Wer die ästhetische Seite der ’70er genießen will, sollte sich ohnehin besser einen schönen Giallo (wo ist dieser Eintrag eigentlich abgeblieben?) aus den guten Siebzigern einlegen.

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 4: 1957 – 1958

Band 4 der „Peanuts“-Werkausgabe des Hamburger Carlsen-Verlags bringt es zwischen den Hardcover-Deckeln im Schutzumschlag auf knapp 330 matte Kartonpapierseiten, die die Jahre 1957 und 1958 der Reihe mit all ihren täglich in diversen Tageszeitungen erschienenen Comicstrips inkl. der Sonntagseiten in deutschen Übersetzungen enthalten. US-Schriftsteller Jonathan Franzen wurde diesmal die Ehre des Vorworts zuteil, der auf vier Seiten Analogien zwischen den Erlebnissen der Comicfiguren und der Biographie ihrer Schöpfer herstellt und sich sogar – durchaus lesenswert – ein wenig an einer Art Psychogramm Schulz’ versucht. Gary Groths auf den obligatorischen Stichwortindex folgende Nachwort-Doppelseite indes scheint nun jeden Band identisch abzuschließen.

Das Cover gehört diesmal Snoopy, der so häufig wie nie zuvor im Zentrum der Strips steht. Nach wie vor imitiert der Beagle mit Vorliebe andere Tiere (Highlight: der Geier!) und tanzt leidenschaftlich zu Musik, hat es nun allerdings auch verstärkt auf Linus’ Schmusedecke abgesehen – immer wieder macht er sich einen Spaß daraus, sie ihm zu mopsen. Und eine weitere seiner vielen Marotten hält Einzug: Erstmals versucht er sich daran, auf dem Dach seiner Hundehütte zu schlafen. Linus wiederum spricht längst normal, scheint also kaum reifeverzögert – kann sich jedoch einfach nicht von seiner Schmusedecke trennen, die ihm heilig geworden ist. Seine große Schwester Lucy ist mittlerweile sogar eine preisgekrönte Nörgelliese und damit offiziell anerkannt, worauf sie mächtig stolz ist. Und Musikus Schroeder hat seinen musikalischen Horizont erweitert, sodass er vermehrt auch Stücke anderer Komponisten als Beethoven spielt.

Charlie Brown hingegen versucht sich weiterhin erfolglos als Comiczeichner, versagt beim Drachensteigenlassen und – weitaus schlimmer! – beim Baseball, hat nun aber einen Brieffreund, dem er sein Leid klagen kann. Auch seine Beziehung zu seinem Hund Snoopy wird vertieft, ab dem Frühjahr 1957 scheint er dessen Gedanken lesen zu können. Damit, seinen Wassernapf im Sommer als Kühlbecken für den Kopf zu benutzen, tritt Snoopy gar einen kleinen Trend los. Pig-Pens Schmutzaffinität wird immer absurder und dadurch witziger, Violet etabliert 1958 „Mein Vater“-Angebereien als Running Gag, Linus versucht im selben Jahr mehrmals, sich beim Weihnachtsmann einzuschleimen und am 1. September 1958 erfährt man sogar, was Charlies Vater von Beruf ist: Frisör. Sicherlich einer der Höhepunkte dieses Bands: Linus übt eine Existenz als Fanatiker!

Sowohl die philosophisch auslegbaren Dialoge als auch die menschliche Verhaltensmuster karikierenden Gags haben im Zeitraum 1957/’58 an Prägnanz zugenommen und die Comics damit an Gehalt gewonnen. Zahlreiche popkulturelle Anspielungen, dankenswerterweise wieder im anhängenden Glossar erläutert, machen das Buch darüber hinaus zu einer Zeitreise in die US-Gesellschaft jener Jahre. Die Erwachsenenwelt bleibt rigoros ausgeklammert und wird, statt selbst zu Auftritten zu kommen, von den Kinder persifliert. Charles M. Schulz war es erneut fabelhaft gelungen, kleine Geschichten in seinen jeweils lediglich vier Panels umfassenden Daily-Strips zu erzählen, die umso mehr Spaß machen, je mehr neben der Evolution der Peanuts-Figuren die konsequente Reduktion auf ein selbstauferlegtes Regelkonzept sichtbar wird, dessen fortwährende Variation im festgezurrten Rahmen immer wieder für Pointen und Überraschungen sorgt – oder eben durch den Perspektivwechsel, die kindliche Weltsicht, das Erwachsenendasein hinterfragt. Auffällig ist, dass die Strips zwar alle Jahreszeiten und Feiertage abdecken, aber niemand mehr Geburtstag feiert – hat Schulz damit bewusst das weitere Altern seiner Figuren gestoppt?

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