Bayern-Punk-Attacke im Menschenzoo, kann man im Zuge des nordsüddeutschen Kulturaustauschs mal machen. Ich spare mir sämtliche Witze über Jodeln, Leserhosen und Schuhplattler, die haben doch sooo ’nen Gamsbart… Bei drei Bands ging’s entsprechend früh los und die Combo mit dem unpassenden Namen ANALKOMMANDO zockte das Zeug, das man seit geraumer Zeit gemeinhin als „Deutschpunk“ bezeichnet – und zwar relativ klassisch, sowohl musikalisch als auch inhaltlich. Ich erinnere mich an einen Song gegen die USA, dass im Publikum jemand MARIONETZ forderte und der Sänger/Gitarrist sich redlich um humoristische Kommunikation mit dem noch etwas spärlich vorhandenen und abwartend bis kühl reagierenden Mob vor der Bühne bemühte – inkl. eines kleinen Animationsspielchens.
- Analkommando
Pünktlich um Zehn wurd’s dann voller und DIE NOTENIDIOTEN spielten um die norddeutsche Publikumsgunst. Nach einem starken, street-rock’n’rolligen Opener flachte das Ganze leider immer mehr in Richtung schunkeligen Streetpunk ab, nicht sonderlich spannend, kaum Tempo und ihre musikalischen Fähigkeiten betreffend gerieten die DIE NOTENIDIOTEN dann auch an ihre Grenzen – sofern es sich unter dem ultralauten Bass überhaupt vernehmen ließ, der so sehr in Ohren dröhnte, dass ich mich möglichst weit nach hinten verzog. P.A.-Mischer Norman konnte nichts dafür, der Bass kam ohnehin nur noch direkt von der Bühne. Das kommt anscheinend dabei heraus, wenn der Bandkopf Basser ist. 😉 Ein besser aufeinander abgestimmter Sound und ein knackiges, halbstündiges Set wären hier wesentlich mehr gewesen.
- Die Notenidioten
Auf MISSBRAUCH hatten dann doch einige gewartet – und mussten sich noch etwas gedulden. Der Sänger hatte nämlich seine eigene Gesangsanlage dabei, die anscheinend nicht ohne weiteres zur Zusammenarbeit mit der Menschenzoo-P.A. bereit war. Da ich als DJ eingeteilt war, jagte ich also fleißig weiter einen räudigen D- und Oi!-Punk-Klassiker nach dem anderen durch die Spelunke, bis es zu vorgerückter Stunde endlich losging. Beim ersten Stück schien der ganze Aufwand noch ziemlich umsonst gewesen zu sein, denn vom Sänger war nix zu hören, weshalb er auf das Mikro seines Gitarristen zurückgriff. Anschließend fummelte er jedoch noch irgendwas an seiner Anlage, die in einem großen Koffer auf der Bühne stand, herum und endlich ertönte er in vollem Umfang. Dieser ist stimmlich etwas eingeschränkt, doch der immer leicht nölige Klargesang gehört zum MISSBRAUCH-Sound dazu. Behaupte ich zumindest mal, denn allzu vertraut bin ich mit ihrem Werk gar nicht. Kennengelernt hatte ich sie anno dazumal auf dem fünften „Schlachtrufe BRD“-Sampler, wo es mir besonders die TON-STEINE-SCHERBEN-Coverversion angetan hatte. Auf diesem dürfte sich auch „Hey Deutschland“ befunden haben, das ich im Set wiedererkannte. ‘ne kurze Recherche hat ergeben, dass ich damals zwei Platten zum Besprechen bekommen hatte und attestierte „engagierte, gesellschafts- und systemkritische Texte“ sowie: „Leider wirken viele Texte auf mich zu bemüht (…), sind zu ,vernünftig‘. Musikalisch schwankt man auch zwischen Hit und Belanglosigkeit.“ Das trifft’s auch für diesen Gig ganz gut. Während gerade die flotteren Songs mit bisweilen leicht melancholischen Melodien ganz gut ins Ohr gingen, fehlten mir bei anderen Rotz und/oder Aggressivität. Alleinstellungsmerkmal waren die Mundharmonika-Einsätze des Sängers, für die er anscheinend eigens besagte Anlage mitgeschleppt hatte. Aber je weiter man im Set voranschritt, desto mehr nutzte sich der Sound ab und klangen die Songs uninteressanter, austauschbarer, plätscherten sie zunehmend an mir vorbei. MISSBRAUCH spielten gefühlt einfach arschlange, auch hier wäre weniger mehr gewesen. Immer mal wieder gingen einige Leute vor der Bühne gut mit, doch die Kulisse hatte sich gegen Ende auch sichtbar ausgedünnt. Aufhorchen ließ mich dann noch mal die V-MANN-JOE-Cover-Version „Halte aus!“. Das Engagement der Band sowie ihr nicht unsympathisches Auftreten in allen Ehren, aber so richtig meine Baustelle ist das nicht. So geht’s mir aber mit vielen Bands, die in den ‘90ern den Begriff „Deutschpunk“ prägten und sich nicht so richtig zwischen Punk- und Sozialarbeiter-Attitüde entscheiden können. Skurril übrigens: MISSBRAUCH haben gleich mal ‘ne Mini-HH-Tour aus ihrem Abstecher in die Hansestadt gemacht und sind am darauffolgenden Abend im Gängeviertel aufgetreten.
- Missbrauch
Mit schlimmer Mucke aus meiner Sammlung beschallte ich die Bude im Anschluss noch bis 4:00 Uhr nachts und dann war Sense. Pfiats eich!