Günnis Reviews

Autor: Günni (page 38 of 104)

11.02.2017, Gängeviertel, Hamburg: CHOLERA TARANTULA + EAT THE BITCH + STACKHUMANS

Drei Wochenenden hintereinander ins Gängeviertel? Logen, Aller. Diesmal lud die PunkbAR wieder in den kleineren Valentinskamp, der in Nullkommanix gewohnt voll war, sodass die STACKHUMANS aus Itzehoe vor amtlicher Kulisse den musikalischen Teil des Abends eröffnen konnten. Die Vier bretterten einen deutschsprachigen Hardcore-Punk, als befänden wir uns noch immer Anfang der 1980er. Prinzipiell ja meine Kragenweite, sowat, wenn auch in dieser Ausführung noch arg rudimentär. Die Band steht aber auch noch am Anfang und hat erst jüngst ihr Demo veröffentlicht. Textlich gibt man sich genretypisch radikal, gesellschaftskritisch und angepisst und verzichtet auf sprachliche Extravaganzen, wählt in Songs wie „Kotze über Deutschland“, „Extrem aber angenehm“ oder „Fickt euch!“ den jeweils direktestmöglichen Weg. Dabei holpert’s manchmal ebenfalls noch, dafür wirkt das alles aber ungekünstelt und authentisch. Mit „Itzetot“, einem Wortspiel, das mich an KAOS KABELJAUs „Todstedt“ erinnert, besang man die Heimat, zu der man offenbar ein ambivalentes Verhältnis hegt und bei „TV“ überraschte der Shouter am Ende mit spitzen Schreien. Noch erstaunlicher fand ich es aber, dass er in MINOR-THREAT-Leibchen gekleidet und mit X-Malereien auf dem Handrücken einen Song wie „Saufen to the max“ schmetterte – ist mir da irgendeine Ironieebene entgangen?

Gänzlich unironisch folgten EAT THE BITCH mit einem Heimspiel. Wenn mich nicht alles täuscht, begann man direkt mit einem nagelneuen Song, der noch nicht 100%ig rund lief, aber Bock auf mehr machte. Das folgte dann in Form eines Sets bestehend aus Songs des „Friss das!“-Demos und des „Desillusioniert“-Albums, das erwartungsgemäß gut knallte und von Sängerin Jonas aggressivem Gesang mit seinen melodischen Farbtupfern sowie ihrer zusätzlich anstachelnden ausdrucksstarken Mimik getragen wurde, zeitweise gesanglich unterstützt von Gitarrist Tim. Mit Freude nahm ich zur Kenntnis, dass mein Lieblingslied „Fressen & Kotzen“ wieder ins reguläre Set aufgenommen wurde und der neue Bassist sich offenbar bestens in die Band integriert hat. Unterbrochen wurde die Performance des textlich gut durchdachten, von negativer Weltsicht geprägten deutschsprachigen HC-Punks von einem laut Band uralten Stück (aus ANAESTHETIC-Zeiten?), das man nach langer Zeit mal wieder spielen wollte, jedoch so gar nicht hinhaute und kurzerhand abgebrochen wurde. Mit ARRESTED-DENIAL/COCK-UPS-Sascha wurde ich Zeuge dieser kleinen Panne und wir waren uns einig, dass es extrem sympathisch ist, dass auch mal anderen Bands ein solches Malheur passiert, haha. Dafür zog ein weiterer neuer, kämpferischer Fuck-You-Song (hieß der „Untergehen“?) mühelos die Veggiewurst vom Teller, da stimmte alles! Ohne Zugaben ging’s nicht von der Bühne und diesmal war ich beim Klassiker „I Saw You Die“ der NEUROTIC ARSEHOLES textlich auch auf der sicheren Seite, als ich kurz mitträllern durfte. 😉 Die Meute vor der Bühne lebte sich wie bereits zuvor kräftig beim Pogo aus, hier und ging mal was zu Bruch, nicht weiter wild – als zunehmend etwas nervig erwiesen sich lediglich vereinzelte Gestalten, die meinten, dabei ihren Rucksack aufbehalten zu müssen oder sich völlig unkoordiniert in erster Linie von der menschlichen „Bande“ um sie herum durch die Gegend stoßen ließen, weil sie regelmäßig in sie hineintorkelten. Die Folgen des Soli-Schnaps-Saufens, mit dessen Erlösen das „War In Your Head“-Festival im Mai mitfinanziert werden soll. 😀

An CHOLERA TARANTULA aus Bremen war es, den Abend zu beschließen und da mir die Band völlig unbekannt war, hatte ich auch nichts erwartet. Wie so oft in solchen Fällen wurde ich positiv überrascht. Grob würde ich den Stil als Anarcho-Punk mit recht eingängigen Refrains beschreiben. Das gehobene Grundtempo eskalierte immer mal wieder in Hektikausbrüche, z.B. beim genialen „Vergiftet“. Besonderheit ist sicherlich der gerade in den Strophen cleane Gesang des sehr souveränen, ab und zu einen irren Blick aufsetzenden Frontmanns, der den Songs trotzdem nichts von ihrer Wucht nimmt. „Freiheit statt Frontex“, der sich mit der unsäglichen europäischen Abschottungspolitik auseinandersetzt, und „Stop Eating Animals“, der wohl keiner weiteren Erläuterung bedarf, hießen weitere Songs, deren parolenhafte Refrains sich mühelos mitskandieren ließen. Noch einfacher machte es einem „Bullenterror“, der nur aus diesem einen Wort bestand und zudem ein echter Ohrwurm sowie offensichtlich großer Publikumsliebling ist. Kann man machen! An den Instrumenten waren CHOLERA TARANTULA überaus fit, da saß quasi jeder Akkord. Was mir erst im Nachhinein beim Hören ihres aufs Jahr 2013 datierenden Albums „Vergiftet“ auffiel: Lyrisch gibt man sich doch tatsächlich linguistischer Sinnbefreitheit in Form des „mensch statt man“-Neusprechs hin, wenn auch ohne es konsequent durchzuziehen. So redet (oder singt) doch kein Mensch ernsthaft! Im letzten Drittel wirkte es schließlich, als habe man den „Politteil“ nun abgehakt und verwandelte sich in eine Cover-Band, die mit „La Bamba“ Ritchie Valens Tribut zollte, um sich dann jedoch in Medley-Form Schlechtst of the Neunziger vorzuknöpfen und debile Geschmacklosigkeiten wie „Boom boom boom boom, I want you in my room“ oder „Herz an Herz, hörst du mich? S.O.S., ich liebe dich“ durchs Gängeviertel zu prügeln – zur besonderen Freude der vielen anwesenden jungen Mädels, offenbar allesamt ‘90er-geschädigt. Argh! Alles in allem aber war’s mir wieder ein außerordentliches Vergnügen und der eine oder andere Soli-Rubel dürfte locker zusammengesoffen worden sein.

06.02.2017, El Dorado (Gaußplatz), Hamburg: ANTI-CLOCKWISE + YALLAH

So ein Montag ist oft schon hart genug. Wenn man dann noch erfährt, dass es einen Kumpel dahingerafft hat, wird er noch beschissener. Ex-DMF-Basser Stef war am Wochenende plötzlich und unerwartet einem Herzinfarkt in seiner französischen Heimat zum Opfer gefallen. Spontan beschlossen wir vier verbliebenen Motherfucker daher, das Gaußplatz-Konzert seiner französisch-hamburgischen Freunde von ANTI-CLOCKWISE zusammen mit den Landsmännern von YALLAH aufzusuchen. Die meisten dort wussten längst Bescheid, andere noch nicht. Einige fanden tröstende Worte oder Gesten und unsere Stimmung puschten wir mit Bier. Wir hatten die Idee, noch vor YALLAHs Gig ein, zwei DMF-Songs, die Stef mit in die Band gebracht hatte, zu zocken. ANTI-CLOCKWISE-Fred vermittelte, dass wir das kurzerhand über YALLAHs Equipment tun konnten und so spielten wir nach einer kurzen Ansage zum Wie und Warum „Les Rebelles“ von BERURIER NOIR. Mehr als den Refrain am Schluss bekam ich aber nicht heraus, denn das Ding hatte Stef früher immer gesungen und ich kann kein Französisch, auch keiner der anwesenden Franzosen war textsicher genug. So steht man als Sänger schön blöd da. Anders dann bei „Cop Killing Day“, das Stef von seiner vorherigen Band SCHÖNES GLATTES FELL mitgebracht hatte, von der nur eine Woche zuvor bereits jemand das Zeitliche gesegnet hatte. Hat dann auch wirklich noch mal Spaß gemacht und war wahrscheinlich das Beste, das wir an diesem Abend tun konnten. Während unseres Auftritts ging dann wohl eine SMS ein, dass nun auch die letzten lebenserhaltenen Maßnahmen abgeschaltet worden seien. Bon voyage, Stef…

YALLAH traten dann in Trio-Formation mit, wenn ich mich nicht verzählt habe, 17 HC-Punks-Songs in Landessprache an, die mal vom Gitarristen, mal vom Bassisten gesungen wurden und ihren eigenen Stil mit Wiedererkennungseffekt hatten. Zeitweise ging das fast in Richtung Streetpunk, nur eben doppelt so schnell gespielt. Griffige Refrains ließen uns das eine oder andere Mal die Fäuste recken und auf Fantasie-Französisch mitgrölen. Den schwer schuftenden Drummer tauften wir Hans Guck-in-die-Luft, denn sein trotz allem irgendwie teilnahmslos bis verwundert wirkendes Gesicht reckte er i.d.R. gen Raumdecke oder sonst wohin, während der Ärmste zwischen seinem Mikro und der Mauer hinter ihm schrecklich eingeklemmt wirkte – was an seinem rasanten Power-Drumming indes nichts änderte. Drummer beobachten kommt sowieso meistens gut. Spitzen-Liveband jedenfalls, die von der gerade für einen Montag echt gut besuchten Platzkneipe zu Recht bejubelt wurde. Also LP eingesackt und das ANTI-CLOCKWISE-Album, das ich aus unerfindlichen immer noch nicht hatte, auch gleich mitgenommen.

Der totale Abriss folgte dann mit ANTI-CLOCKWISE. Ich verabschiedete mich von Kalle und Tentakel und blieb vor Ort, denn meine Vorsätze, nicht allzu lange zu bleiben, hatte ich längst mit Jever heruntergespült. Die international besetzte Band scheint mir live immer härter zu werden und diesmal war auch Freds asoziales Reibeisenorgan schön in den Vordergrund gemischt worden, so dass die HC-Punk-Songs ihr volles Aggressionspotential entfalteten. Nun wurde auch getanzt, mit Bier gespritzt, englische Textpassagen mitgebrüllt (gern auch direkt in die Bandmikros) und die Sau rausgelassen. Freds Frage nach der besten Punkband beantwortete ich wahrheitsgemäß mit THE CLASH, was die Band jedoch mit dem MOTÖRHEAD-Cover „Iron Fist“ erwiderte. Auch nichts gegen einzuwenden. Drei Zugaben wurden ANTI-CLOCKWISE abverlangt und eine davon dürfte THE ADICTS‘ „Viva la Revolution“ gewesen sein, wofür Freds Mikro dann auch direkt im Publikum rumging.

Aufs Trübsal scheißen und einen Abend feiern, wie er Stef gefallen hätte, das war die Devise. Mit der letzten Bahn trottete ich schließlich nach Hause und ließ schön meine Platten in ihr liegen – wie gewonnen, so zerronnen. Die Gewissheit, dass Stef tot ist und weder in Frankreich noch in Hamburg noch einmal glücklich werden wird, realisierte ich erst langsam nach und nach so richtig. Die nächsten Tage waren hart und bestimmt von Gedanken an die gemeinsame Zeit. Schon heute ist seine Beerdigung in Frankreich und niemand von uns hat es derart kurzfristig geschafft, ihr beizuwohnen. Dennoch wird jeder von uns auf seine Weise von Stef Abschied nehmen oder hat es bereits getan und ein Teil davon war ganz sicher dieser Abend, der sich stärker noch als andere Konzerte im Langzeitgedächtnis festsetzen wird. Zudem war dies der Abend, an dem wir es uns gegenseitig mit Handschlag schworen, es noch ein paar Jahre zu machen. Der Gaußplatz-Schwur – wer ihn bricht, ist des Todes! Danke an ANTI-CLOCKWISE, YALLAH und die Gaußbande für die Unterstützung sowie an Katharina, die unseren kleinen Tribut per Video festhielt:

04.02.2017, Gängeviertel-Fabrik, Hamburg: P.I.Y. PUNKROCK-KARAOKE

Punk-Karaoke, die Dritte: Diesmal hatte das Dresdner Trio Halt im Gängeviertel gemacht und die überaus gut frequentierte Fabrik zum Kochen gebracht. Das kann man fast wörtlich nehmen, denn die Temperaturen bewegten sich gen Siedepunkt und die Band mit ihrem von einer Pause unterbrochenen ca. vierstündigen Set schien irgendwann nur noch aus Schweiß und Instrumenten zu bestehen. Der mitgereiste Texteherausgeber machte mit SLIMEs „Deutschland“ den Anfang und diesmal gab’s auch keinerlei Berührungsängste seitens der Gäste; Schlag auf Schlag folgte eine Top-Performance auf die nächste, wofür man stets mit einem Pfeffi belohnt wurde. Meinst einzeln, bisweilen aber auch zu zweit oder zu mehreren gab’s ein buntes Potpourri quer durch die Stilrichtungen, von MOTÖRHEADs „Ace of Spades“ über WIZOs „Quadrat im Kreis“, „Fight for your Right (to Party)“ vonne BEASTIE BOYS und LOIKAEMIEs „Good Night White Pride“ bis hin zu „Anarchy in the U.K.“ von den SEX PISTOLS, THE CLASHs „Should I Stay or Should I Go“ und AUFBRUCHs „Abend in der Stadt“ – und vielem mehr. Der ehemalige ARRESTED-DENIAL-Basser gab „Basket Case“ zum Besten (woraufhin man den Shouter einer lokalen Hatepunk-Combo beobachten konnte, wie er jenen Pop-Punk-Klassiker angetrunken inbrünstig abfeierte…), irgendwer bog mit ‘nem Song um die Ecke, den anscheinend keine Sau kannte (war das evtl. „Lederhosentyp“ von HANS-A-PLAST?), TURBONEGROs „All My Friends Are Dead“ brachte die Bude ebenso zum Wackeln wie das unvermeidliche „Gotta Go“ der AGNOSTIC FRONT, EAT-THE-BITCH-Jona adaptierte einen THE-DISTILLERS-Song und gegen Ende lagen sich alle bei der PENNYWISE’schen „Bro Hymn“ in den Armen.  Ich ließ mich auch nicht lumpen und rotzte SLIMEs „Alptraum“ raus, nach der Pause musste KNOCHENFABRIKs „Filmriss“ dran glauben (dafür dann doch aufs Textblatt schielen zu müssen, ist mir natürlich äußerst unangenehm).

Die Stimmung war absolut fantastisch, den einzelnen Sängerinnen und Sängern wurde frenetisch gehuldigt, es wurde getanzt und mit Bier gespritzt. Manch einer sprang von den Brettern und sang/grölte/kreischte inmitten des Publikums, andere enterten die Bühne und sangen einfach mit. Auch die Band war von der Anzahl hervorragender Karaoke-Sänger beeindruckt, wobei es natürlich auch immer amüsant ist, wenn etwas schiefgeht oder jemand textlich und/oder stimmlich völlig neben der Spur liegt. Auch das gab es vereinzelt, doch ausgelacht wurde niemand. Überraschenderweise nicht dazu zählte ein schon zu Beginn heillos betrunkener Punk, der dadurch seinem GG-ALLIN-Song nur noch mehr Authentizität verlieh. Mit steigender Promillezahl reifte in mir die Idee, „Boys Don’t Cry“ in der SHEER-TERROR-Version zu growlen, wovon ich glücklicherweise dann doch Abstand nahm. Leider hat eine junge Dame diesen Song dann irgendwann völlig versaut, was zu meinem einzigen „Das hat das Lied nicht verdient!“-Moment führte.

Als gegen 1:45 Uhr Feierabend war, waren längst nicht alle drangekommen, es hätte wahrscheinlich noch eine ganze Weile so weitergehen können. Respekt an die Band für ihre musikalische Vielseitigkeit und ihr Durchhaltevermögen und danke an alle Beteiligten – insbesondere die BeyondBorders-Konzertgruppe – für diese göttliche Party!

Ich hab‘ kräftig Fotos gemacht und zwar nicht alle, aber doch die meisten irgendwie erwischt. Könnt ja mal schauen, wer sich hier wiedererkennt. Und wer in dieser Ehrengalerie lieber nicht auftauchen möchte, sagt mir bitte – am besten mit Dateinamen des Bilds – Bescheid, dann nehme ich’s heraus.

Nachtrag: Das Schraibfela-Fanzine hat ’n Video inkl. Interview-Passagen gedreht, das ich hier mal verlinke.

27.01.2017, Gängeviertel-Fabrik, Hamburg: MONO FÜR ALLE! + TRIPLE T.H.

Endlich wieder Konzerte in der Gängeviertel-Fabrik! So komme ich auch endlich einmal in den Genuss dieser Örtlichkeit, denn mit MONO FÜR ALLE! gibt es einen vielversprechenden Anlass. Aufgrund des zu erwartenden Besucherandrangs erscheine ich peinlichdeutsch pünktlich vor Ort, vor dessen Eingang sich bereits Menschenmassen versammelt haben, die des Einlasses harren. Während ich bei kleineren Gängeviertel-Konzerten stets einen einstelligen Betrag als Eintrittsspende abgedrückt habe, spricht man diesmal eine deutliche Spendenempfehlung aus: 13 Taler. Ich runde etwas auf und bin mir sicher, dass dieser Obolus gut investiert ist. Die Größe des Saals dürfte in etwa der des Altonaer Monkeys entsprechen, es gibt ‘ne schön geräumige Bühne, hinten ‘nen Tresen und an der rechten Flanke Sitz-,  Rückzugs- und Abkackgelegenheiten. In rasender Geschwindigkeit füllt sich die Fabrik, bis es eng und drängelig ist. Wie vermutet haben MONO FÜR ALLE! eine große Hamburger Fanbase, doch auch viele von außerhalb haben sich unters Volk gemischt. Allen gemein ist, dass sie sich zunächst der Vorband ausgesetzt sehen: TRIPLE T.H. aus Hannover, die mit MONO FÜR ALLE auf Tour sind. Lokalen Support gibt es leider nicht.

Die Niedersachsen betreten in alberner Maskerade von Schwimmflügeln bis Frauenklamotten die Bühne und zelebrieren ‘ne wilde, betont individuelle Mischung von ‘90er-HC/Hip-Hop-Crossover über Groove-Zeug bis Nu-Metal-Anleihen mit deutschen Texten. Man hängt sich voll rein, liefert ‘ne überaus energiegeladene Bühnenshow mit viel Bewegung und hat große Teile des feierwütigen Publikum schnell im Griff. Der Sound stößt nicht auf taube Ohren, wenngleich ich die Begeisterung nicht ganz teilen kann. Respekt für den Einsatz, aber freiwillig zu Hause anhören würde ich mir das eher nicht. Attitüde und Image erscheinen mir dann auch etwas arg konstruiert und auf überdreht getrimmt, aber immerhin traut man sich mal wieder, enge Genregrenzen zu sprengen und auf Klischees zu scheißen.

Das tun zweifelsohne auch MONO FÜR ALLE! aus Gießen. In Ermangelung von Alternativen wird ihr Stil gern als Electropunk bezeichnet und ich erinnere mich an einen kleinen szeneinternen Hype um die Band irgendwann im letzten Jahrzehnt, als ich ihren mutmaßlich größten Hit „Amoklauf“ wohlwollend zur Kenntnis genommen, mich ansonsten aber nicht weiter um sie geschert hatte. Amüsiert hatte mich, dass dieser sowie der eine oder andere Song tatsächlich die Stasi auf den Plan gerufen hatte, die mit den vermittelten Inhalten nicht ganz einverstanden war – was natürlich zu weiterer Popularität für das Trio führte. Im Plastic Bomb las ich zwischenzeitlich von Kontroversen mit „antideutschen“ Vollhonks, denen man offenbar schön vor den Koffer gekackt hatte, was mir die Band, die in einem Interview in derselben Postille diesbzgl. klar Stellung bezogen und den Finger in die Wunde der allzu leichtfertigen Akzeptanz solcher und ähnlicher Auswüchse innerhalb der Szene gelegt hatte, noch sympathischer machte. Irgendwann habe ich mich dann doch auch intensiver mit ihrer zunächst reichlich gewöhnungsbedürftigen Musik auseinandergesetzt und meinen Gefallen an ihr gefunden. Live gesehen habe ich MFA indes noch nie, was sich nun ändern soll.

Gekleidet in Sturmhaube (Bassist), Burka (Drummer) und langes Beklopptenhemd (Sänger) betritt man unter extraviel Kunstnebeleinsatz die Bühne und Frontmann Mono nimmt seine Rolle ein: Hinter einer Art Kanzel ersetzt er mit seinem Keyboard die sonst punktypische Gitarre und singt mit hoher Fistelstimme Songs wie „Amoklauf“, „11. September“ und „Boykottiert McDonald’s“, während er Distanz schafft, indem er sich mittels Stimme, Mimik und Gestik  wie ein unberechenbarer, stets möglicherweise kurz vor der Eskalation stehender Wahnsinniger gebärdet. Das passt mal besser, mal etwas weniger gut zu den deutlichen, gern zynischen Texten, ist als Ausdrucksform aber zumindest einzigartig. Das gilt auch für die bisweilen regelrecht sphärischen Keyboardteppiche, die er ausrollt und manches Mal in tranceartige Zustände zu versetzen drohen, die Lightshow trägt ihr Übriges dazu bei. Mitten im Set setzt Mono seine Kanzel kurz in Brand und spielt auf dem Bühnenboden weiter, später hängt er sich eine stilisierte MG um. Der ganze Showaspekt ist mir manchmal etwas zu viel, irgendwie drüber, zu sehr Schauspiel, zu wenig Punkrock. Es überwiegen jedoch die Momente, in denen MFA als den Gesellschaftszustand böse, scharfzüngig und provokant kommentierendes Gesamtkunstwerk aufgeht und eine willkommene Abwechslung zu manch Szene-Stereotypen darstellt. Der eigens mitgereiste Mischer meint es etwas zu gut mit dem Hall auf Monos Stimme, möglicherweise klang das aber auch nur direkt am Bühnenrand so. Beim überraschend früh gespielten „Amoklauf“ stürze ich mich kurz in den Pogo-Mob, doch die Kombination aus dem Fabrikboden, Bierlachen und meinen Schuhsohlen ist auf Dauer nix. Zu regelrechten Pogo-Explosionen kommt es danach auch eher selten, dafür sind auch die wenigsten Songs geeignet, doch es herrscht permanent Bewegung und ausgelassene Stimmung. Im energisch eingeforderten Zugabenblock findet sich dann auch endlich mein Lieblingslied: „Hallo Verfassungsschutz“, dieser mörderische Ohrwurm, der zu Irritationen führen kann, singt man ihn gedankenverloren in der Öffentlichkeit vor sich her.

Obwohl bereits seit Ende des letzten Jahrtausends existent, gibt es gar nicht so viele MFA-Songs. Qualität statt Quanität scheint das Motto der Band zu sein, die sich auch weiteren „Geschäfts-“ oder „Szene-Regeln“ konsequent verweigert und beispielsweise anstelle eines YouTube-Kanals und Facebook-Profils einen Song gegen derartige Netzwerke im Programm hat. Ihrem Bekanntheitsgrad geschadet hat all das anscheinend nicht. Es ist gut, zu wissen, dass es eine Band wie MONO FÜR ALLE! gibt und dass es funktioniert.

21.01.2017, Menschenzoo, Hamburg: DIE ARBEITSLOSEN BAUARBEITER + BOLANOW BRAWL

Nachdem unser letzter Gig schon recht lange zurücklag, da wir aus Zeitgründen jede noch so attraktive Anfrage leider ablehnen mussten, kam uns die Möglichkeit ganz recht, mal wieder als Support-Band im Menschenzoo zu zocken, um wieder etwas Spielpraxis zu erlangen. Haupt-Act sollten DIE ARBEITSLOSEN BAUARBEITER aus Karl-Marx-Stadt sein, die ich im Hinterkopf irgendwie als mit dem Chemnitzer-Fußballclub verbandelte Kapelle abgespeichert hatte, uns aber sonst nicht viel sagten. Ein Blick ins Review-Archiv belegte, dass ich vor etlichen Jahren zu Crazy-United-Zeiten mal zwei CDs geschickt bekommen hatte, bei denen ich mich einer Bewertung entzogen und die ich auch nicht behalten hatte. Leider war das Ganze derart kurzfristig, dass wir auf keinem Flyer vermerkt waren, auch der Bewegungsmelder konnte uns nicht mehr rechtzeitig nachtragen und etwas von unserem Gig mitbekommen eigentlich nur, wer das zuletzt irgendwie über Facebook aufgeschnappt hatte. Insofern betraten wir die Spelunke etwas ernüchtert und rechneten mit einer recht leeren Hütte, da wir uns auch nicht vorstellen konnten, dass die Sachsen eine größere Gefolgschaft in Hamburg haben würden und zudem u.a. eine fette Party mit geilen Bands den Pöbel parallel in die Lobusch lockte.

Seitan-Gulasch und Freibier steigerten meine Laune jedoch schnell und es gibt weitaus schlechtere Möglichkeiten, ‘nen Samstag zu verbringen als trinkend, herumalbernd und krachmachend mit den Escalation Boys. Umso erbaulicher war es, als wir Lügen gestraft wurden und sich dennoch der eine oder andere Freund des gepflegten Brawls in den Menschenzoo verirrte. Um kurz nach 22:00 Uhr ging’s mit neuer, kurz zuvor notdürftig von Christian zusammengekritzelter Setlist los. Unser mit Gaffa überhaupt nicht mehr halten wollender Banner wurde kurz ins Publikum gehalten und anschließend verstaut, aber der Gig flutschte durchaus akkurat. Zwei neue Songs hatten wir dabei, einer davon noch namenlos. Dieser lief weitestgehend rund und bestand seine Feuertaufe auch in Sachen Publikumsresonanz, während „Red Lips“, der zweite Neuzugang, dann vielleicht doch etwas zu weit nach hinten ins Set integriert worden war… Meine Konzentration hatte mittlerweile nachgelassen, sodass ich die zweite Strophe unterschlug und stattdessen mittels „La la la…“ improvisierte. Kann wenigstens jeder mitsingen und ansonsten lief der Gig auch pannenfrei. Allein schon aus Platzgründen hampelte ich vor statt auf der Bühne herum, was im monitorlosen Zoo jedoch auch nicht unbedingt dazu führte, dass ich mich selbst besser vernommen hätte und so irgendwann doch wieder automatisch das Brüllen anfing. Dafür hatte P.A.-Beauftragter Norman uns aber anscheinend ‘nen schön geschmeidigen Sound gemischt. Mit wesentlich weniger sinnbefreiten Laber-Intermezzi als manches Mal zuvor zogen wir unser Set kompakt durch und hatten nicht nur trotzdem Spaß, sondern konnten uns auch über positives Feedback freuen.  Mein Pessimismus erwies sich also als vollkommen unbegründet.

Etwas über DIE ARBEITSLOSEN BAUARBEITER zu schreiben, fällt mir nun deutlich schwerer. Das Trio erwies sich im Umgang als freundlich-kollegial und völlig ok, da kann ich nichts Negatives zu sagen. Die Mutmaßung, dass sich in Hamburg kaum jemand für ihre Musik interessieren würde, sollte sich jedoch bewahrheiten. Mit einem 90-Minuten-Set im Gepäck betraten sie die Bühne, begannen zu spielen und genau zwei Leute tanzten vor der Bühne, während sich der Rest im Laufe der Zeit allmählich verdrückte (und die Tänzerin irgendwann eingepennt war). Und ich kann es ihnen gar nicht mal verdenken, denn was da von der Bühne schallte, war in erster Linie seichter, belangloser melodischer Deutschpunk, der um Coverversionen von den TOTEN HOSEN, BLINK 182, den ÄRZTEN und GREEN DAY angereichert wurde – einer musikalischen Schnittmenge, in der sich die Band mit ihrer „Gutelaunemusik“ (wie sie sie nennt) offenbar selbst wähnt. Und es zog sich… Knapp 30 Songs, die DJs scharrten schon mit den Hufen und der Zugabenblock blieb dann auch unberücksichtigt. Hinterher erfuhr ich, dass die BAUARBEITER bereits zehn (!) Alben veröffentlicht haben. WTF?! Sorry, Jungs, aber da wusste ich doch schlagartig wieder, was ich an den ganzen Schrammelcombos habe, mit denen wir auch schon gespielt haben. Öfter mal die grobe Kelle auspacken, dann klappt’s vielleicht auch wieder mit ‘nem Job auf’m Bau.

Frenetisch abgefeiert wurde dann die DJ-Schicht von Pablo & Co., während der wir uns den Rest gaben, bis die Koje unüberhörbar rief. Danke an den Menschenzoo und alle, die uns an diesem Abend unterstützt haben – u.a. Nadine für die Schnappschüsse unseres Gigs!

14.01.2017, Lobusch, Hamburg: FUSELWOCHE + PROJEKT PULVERTOASTMANN + TRASHKIDS

Mein erstes Konzert des jungen Jahres führte mich in die Lobusch, in der die TRASHKIDS aus Eschwege RAUFASA vertraten, die verletzungsbedingt absagen mussten. Es dauerte ‘ne ganze Weile, bis es losging und einem die nicht mehr ganz so jungen Kids Melodic-Punk grob Richtung US-Westküste boten, der gut ins Ohr ging. Die Songs waren abwechslungsreich genug, um keinesfalls in die „MelodiCore“-Falle o.ä. zu tappen und irgendwann nur noch hookbefreit vorbeizurauschen. Auch an den Instrumenten zeigte man sich recht versiert; man kam zudem schnell auf den Punkt und blieb unprätentiös, ohne auf den einen oder anderen Überraschungseffekt, der die Darbietung spannend hielt, zu verzichten. Sicherlich nicht dazu gehörten die Probleme mit ihrem Banner, der irgendwann komplett von dannen segelte und den Blick auf die plakatierte Bühnenmauer wieder frei gab. Unbedingt dazuzuzählen ist jedoch der kurze „Hotel California“-Einwurf mitten in nominell letzten Song „Joe Marry Jane“, auf den jedoch ein weiterer folgte (war das ein Cover?), ganz zu schweigen von der geforderten Zugabe, einer dem Original angemessen ironiefreien Interpretation des MICHAEL-JACKSON-Klassikers „Man in the Mirror“ im Punkrock-Gewand, der anscheinend auch das Selbstverständnis der Band unterstrich, zu dem jedwede Klischeeerfüllung ebenso wenig zählt wie aufgesetztes Image oder überstrapazierte Attitüde. Grob geschätzt die Hälfte des Sets wurde die Band übrigens von einem zweiten Gitarristen begleitet, sodass der Sänger derweil seine Klampfe aus der Hand legen konnte. Die TRASHKIDS zeigten sich sichtlich erfreut über die Gelegenheit, in der rustikalen Lobusch zocken zu können, was für die offenbar bereits seit Anfang der ‘90er existierende Band anscheinend eine willkommene Abwechslung darstellte. Ansonsten gab man sich sehr freundlich und bescheiden und hatte nach eigenem Bekunden die Sorge, dass die „richtigen Punks“ sie verprügeln würden – natürlich unbegründet. Sympathische Band, die live vor allem denjenigen Laune macht, die gut auf melodische Sounds können und die einen stilistisch breitgefächerten Abend einläutete.

Das HC-Punk-Publikum kam im Anschluss nämlich bei PROJEKT PULVERTOASTMANN voll auf seine Kosten. Über die Pulvertoasties hab‘ ich schon viel geschrieben, daher seien an dieser Stelle nur die wichtigsten Eckpunkte dieses Gigs festgehalten: Brachialer Sound, gerade mit ihrem neuen Drummer wird die Band immer besser. Der verprügelt sein Kit brutal und präzise und sorgt so für einen zusätzlichen Härtekick, und dank des ziemlich differenzierten P.A.-Klangs ließen sich auch die Bassläufe des diesmal erschreckend nüchternen Holler gut heraushören, die den starken Songs manch Melodie und Wiedererkennungseffekt über die gern leicht metallisch gespielte Viersaitige, die Breaks und Snorres dreckig herausgeröhrte Texte hinaus verleihen. Zu hören gab’s u.a. ‘nen neuen Song zum leidigen Thema G20-Gipfel und ohne Zugabe („Anders“ mit obligatorischen PENNYWISE-„Bro Hymn“-Mitgrölpart) ging’s nicht in den Feierabend. War bereits bei den TRASHKIDS manch Regung vor der Bühne zu vernehmen, ging’s bei PROJEKT PULVERTOASTMANN wüster und härter zur Sache, anscheinend ging die eine oder andere Sehhilfe zu Bruch und anderes verloren, Schwund ist eben überall… Definitiv einer der besten Pulvertoast-Gigs, denen ich bisher beiwohnte.

Von Melodic- über HC- zu Oi!-Punk: FUSELWOCHE aus Rostock verbindet eine längere Freundschaft zum der Lobusch nicht weiten Gaußplatz, sodass die Band sozusagen eine kleine Fanbase in Altona hat. Manch einer hatte die Lokalität aufgrund der wegen des späten Beginns mittlerweile weit vorgerückten Stunde bereits verlassen (müssen), sodass sich die Reihen etwas gelichtet hatten.  Die dennoch zahlreich Verbliebenen wurden sodann Ohrenzeugen rumpeligen Oi!-Punks mit Uffta-uffta-Drums und Ohoho-Chören, der anfänglich etwas bemüht klang, sich jedoch ebenso steigerte wie die alkoholgeschwängerte Stimmung. Das L’ATTENTAT-Cover „Ohne Sinn“ wurde ebenso kompetent geschmettert wie der Hit der Band, „Freizeit forever“, und hatte man sich erst mal an den Drum-Sound gewöhnt, lief das doch alles recht gut rein. Nicht wirklich spektakulär, aber zielgruppengerecht und mit dem Herzen am rechten Fleck, so dass nicht nur die Exil-MeckPommer auch mit diesem Gig eine gute Zeit hatten, bevor der Abend gegen 2:00 Uhr nachts seinen Ausklang fand.

Franz Kafka – Die Verwandlung

Die Erzählung „Die Verwandlung“ des deutschsprachigen Schriftstellers Franz Kafka ist mit ihrem Umfang von rund 70 Seiten (im vorliegenden Band: 77 Seiten) die längste seiner in sich abgeschlossenen und noch zu seinen Lebzeiten veröffentlichten. Erstveröffentlicht 1915, gilt sie heute als einer der großen literarischen Klassiker jener Epoche. Sie handelt vom Handelsreisenden Gregor Samsa, der eines Morgens aufwacht und feststellen muss, sich in ein schabenartiges Insekt verwandelt zu haben, woraufhin er seinen Dienst nicht mehr antreten kann und von seiner Familie in seinem Zimmer vor der Öffentlichkeit versteckt gehalten wird. In der Erzählung wird Samsas Existenz vornehmlich aus seiner subjektiven Sicht geschildert, ohne ihn jedoch als Erzähler einzusetzen.

Nachdem ich Mitte 2016 ein wenig mit Kafka angefixt wurde, ist „Die Verwandlung“ nach ein, zwei Prosastücken die erste Erzählung, die ich tatsächlich gelesen habe, wenngleich mir der Inhalt oder vielmehr die Ausgangssituation natürlich bekannt war. Und ich bin überrascht, wie viel sich doch auf der kurzen Distanz von 77 Seiten findet: Angefangen bei einer Beschreibung des Leistungsdrucks, der aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von einem wenig erfüllenden Arbeitsverhältnis resultiert, das jedoch die eigene Existenz und die der Familie sichert, über ambivalente innerfamiliäre Verhältnisse bis hin zu psychologischen Phänomenen wie Entbehrung, selbstgewählter Isolation und schließlich Selbstaufgabe. Diese Kombination bietet seither reichlich Futter für verschiedene Interpretationen; als Beispiele seien die Annahme, bei Gregor und seiner Schwester Grete handele es sich um dieselbe Person sowie die These, Gregors Metamorphose sei lediglich eingebildet, genannt.

Ohne mich an derartigen Spekulationen beteiligen zu wollen, erlaubt „Die Verwandlung“, die sich zügig in einem Rutsch durchlesen lässt und keinerlei sprachliche Fallstricke bereithält, meines Erachtens zunächst einmal zwei oberflächliche Lesarten: Gerade für Zartbesaitetere die einer horrorähnlichen Schauermär, die an verbreiteten Ekel vor Insekten und „Ungeziefer“ appelliert und immer dann erneut mit anatomischen Details aufwartet, wenn der Leser möglicherweise gerade wieder ein menschlicheres Bild Samsas zurückgewonnen hat, was insbesondere für eine Generation, die mit grafisch extremen Filmen wie der „Die Fliege“-Neuverfilmung u.ä. aufgewachsen sind, starke, unschöne Bilder im Kopf entstehen lassen kann. Intendiert und von mir eher empfunden dürfte jedoch eine tragikomische, absurde Groteske sein, die durch zahlreiche satirisch angehauchte Darstellungen damaliger gesellschaftlicher Verhältnisse und ihrer Konsequenzen für den einzelnen, einfachen Arbeiter ihre inhaltliche Substanz erhält. So oder so: „Die Verwandlung“ ist ein überaus unterhaltsamer Klassiker, der Lust mehr Kafka macht und somit vermutlich eine ideale Einstiegsdroge.

17.12.2016, Waschbar 60°, Buxtehude: CHEVY DEVILS

Die Waschbar ist ‘ne Burger-Braterei und Kneipe in Buxtehude im ‘50er-Jahre-Stil, die ab und zu kleine Live-Gigs im Rockabilly-Bereich u.ä. veranstaltet. Bisher musste sie dabei ohne mich auskommen, doch als man bei freiem Eintritt zu den CHEVY DEVILS und damit dem letzten Konzert des Jahres lud, raffte ich mich kurzentschlossen auf, um mir die Chose mal von Nahem zu betrachten.

Das Hamburger Quartett trat stilecht mit Standbass auf und gab in zwei Blöcken sowohl diverse Klassiker als auch eigenes Material zum Besten. Während im ersten Teil anscheinend die Gitarre (unhörbare) technische Probleme bereite, erwies sich der Sänger den gesamten Abend über als Aktivposten und Rampensau: Da wurde durch die Örtlichkeit gewandert, mit dem Publikum getanzt und auf den Tresen geklettert, kräftig geschwitzt und dabei tadellos gesungen, wenn ihm auch ein, zwei Mal zu vorgerückter Stunde kurz die Puste wegblieb. Großes Entertainment, klasse Performance!

Meine gesteigerte Aufmerksamkeit erregten aus der Reihe fallende Coverversionen wie z.B. eine Psychobilly-Nummer aus dem BATMOBILE-Fundus, „Thunderstruck“ von AC/DC im Rockabilly-Gewand oder auch „Too Drunk to Fuck“ der DEAD KENNEDYS. Das hatte ich im Vorfeld nun nicht erwartet und war ob des musikalischen Horizonts der Band positiv überrascht. Das anfänglich etwas hüftsteife Publikum war auch irgendwann aufgetaut, so dass sich auch immer mal wieder geregt und bewegt, bisweilen auch richtig getanzt wurde. Bei zivilen Getränkepreisen, ein paar bekannten Gesichtern unter den Gästen und angenehmer, freundlicher Atmosphäre nahm der Abend seinen Lauf, der mit ein paar Zugaben der CHEVY DEVILS irgendwann endete. Und mit dem Weihnachts-Rock’n’Roll-Song haben sie mich daran erinnert, was uns nun unmittelbar bevorsteht… *schauder*

09.12.2016, Monkeys Music Club, Hamburg: THE RAYMEN + THE WALTONS + THE NEW YORK WANNABES

Ab und zu verspüre ich Appetit auf etwas andere, rock’n’rolligere, ‘billy-artige Klänge und als ich am Abend des 9. Dezember ohnehin in der Nähe war, entschied kurzerhand ob die Münze, ob bzw. dass ich dem Konzert im Monkeys beiwohne. Über die WALTONS und die RAYMEN hatte ich schon einiges gehört, ohne wirklich mit ihrem Schaffen vertraut zu sein, doch was sollte bei einem lauschigen Abend im Monkeys schon schiefgehen können? Eben!

Den Anfang im etwa zur Hälfte gefüllten Club machten aber zunächst die NEW YORK WANNABES, ein Duo bestehend aus einer Drummerin und einem Sänger/Gitarristen, minimalistisch wie z.B. die WHITE STRIPES also und grob in diese Richtung ging auch die Mucke, Garage-Trash-Rhythm-&-Blues oder so. Die Dame haute gut auf die Pauke und der Frontmann ordentlich einen raus, kniete sich richtiggehend leidenschaftlich ins Set. Nach diesem ersten Klangeindruck blieb zwar nicht allzu viel hängen, kurzweilig unterhaltsam war’s aber allemal, der zweite Song in meiner Erinnerung der beste und als Opener keine schlechte Wahl, eben mal was anderes.

Die beiden Haupt-Acts sind bereits seit den seligen ‘80ern aktiv, die Berliner WALTONS haben den Begriff „Cow-Punk“ mitgeprägt und so etwas wie einen Semi-Legendenstatus inne. Bei astreinem Sound zockte das Trio um Sänger/Gitarrist John-Boy Walton sowohl eigene, flottere Hits mit starker Country- und Western-Schlagseite, jene eigentümliche Mischung also, die unter der Genrebezeichnung zu verstehen ist, als auch ruhigere Nummern, für die John-Boy auf einem Hocker platznahm. Zwischendurch gab’s mit dem großartigen „Reach For The Sky“ ein kompetentes SOCIAL-DISTORTION-Cover und als eine kräftig aufgetakelte Dame namens Alexandra die Bühnenbretter betrat, wurden die zeitgenössischen Pop-Songs „It’s Not Fair“ von LILLY ALLEN sowie „Ex’s and Oh’s“ von ELLE KING im Country-Gewand interpretiert. Ohne weibliche Unterstützung ging’s mit Cow-Punk-Stücken weiter im bunten musikalischen Reigen der guten Laune, bis die WALTONS die Bühne verließen und mittels Aufforderungen zur Zugabe zurückbeordert wurden. THIN LIZZYs „Whiskey in the Jar“ wurde ebenso zum Besten gebeten wie ein kitschiges Weihnachtslied, bis John-Boy & Co. irgendwann zurück auf ihre Farm mussten, um rechtzeitig mit den Hühnern aufzustehen und die Kühe zu melken. An der Schießbude verdingte sich übrigens John-Boys Sohnemann, der seine Sache verdammt gut machte. Auch wenn, wie man mir hinterher verklickerte, der Gig nicht unbedingt repräsentativ für die früheren WALTONS gewesen sei und sich das Publikum reichlich tanzmuffelig zeigte, war’s doch ‘ne sehr unterhaltsame, abwechslungsreiche Wundertüte.

THE RAYMEN gehören zu den Senioren der deutschen Trash-Rock’n‘Roll- und Psychobilly-Szene, sind ebenfalls seit den ‘80ern dabei und haben sich anscheinend im Laufe der Dekaden eine beachtliche stilistische Bandbreite angeeignet. Heutzutage hat man den umtriebigen Saitenhexer Tex Morton an der Lead-Klampfe dabei und sich offenbar verstärkt sog. Death Country verschrieben. Stimmlich in tiefem Bass werden düstere bis traurige Country- und Rhyhtm-&-Blues-Songs vorgetragen, die einen wie automatisch zu Kippe und Bier greifen lassen, um in Melancholie zu schwelgen, aufgelockert von Solo-Passagen Mortons, der seiner Gitarre feinste Klänge entlockte und angetrieben von einem Drummer, der sein Pokerface aufgesetzt hatte und keine Miene verzog. Beim Material handelte es sich sowohl um eigene Songs als auch Coverversionen; beispielhaft sei das düstere „The Loco-Motion“ (LITTLE EVA) genannt, das im krassen Kontrast zur fröhlichen Minouge’schen Fassung steht. Ab und zu wurd’s auch trash-rock’n’rollig und gegen Ende hat man ein paar flottere Psychobilly-Nummern ausgepackt, zu denen’s auch vor der Bühne mal ein bisschen mehr abging. THE RAYMEN waren erkennbar nicht unbedingt jedermanns Sache, aber mich hat’s zeitweise doch ziemlich ergriffen. Interessanter Stil, musikalisch beeindruckend und atmosphärisch umgesetzt und, again: mal was anderes!

03.12.2016, Gängeviertel, Hamburg: ASIMATRIX + CUT MY SKIN + SEWER BRIGADE + RACCOON RIOT

asimatrix-cut-my-skin-sewer-brigade-raccoon-riot-gaengeviertel-hamburg-20161203Geballte und stilistisch abwechslungsreiche Punk-Power im Gängeviertel, zu der so viele Gäste erschienen, dass man den Einlass irgendwann kurzerhand wegen ausgereizter Kapazitäten dichtmachen musste – das gibt’s auch nicht alle Tage. Die Hamburger RACCOON RIOT betraten gegen 21:30 Uhr die Bühne für ihren erst dritten Gig überhaupt. Mit zwei Klampfen und in englischer Sprache gab’s ‘ne Mischung aus HC- und Streetpunk auf die Löffel, die von superkurzen eruptiven Songs wie dem Opener bis zu längeren, ausarrangierteren Stücken reichten, zwei an der Zahl sogar mit weiblicher Bratschenbegleitung! Mal was anderes. Musikalisch ist natürlich noch Luft nach oben, doch es rumpelte nicht uncharmant. Aus den Gitarren lässt sich aber, gerade wenn gleich zwei zur Verfügung hat, noch einiges mehr herausholen. Der durchgestylte Shouter hat dafür ‘ne ordentliche Bühnenpräsenz und ein angenehmes, raues Organ. Ohne Zugabe ging’s dann auch nicht von der Bühne, es folgte noch einmal der erste der beiden Bratschen-Songs.

Die SEWER BRIGADE aus Barcelona war gerade auf Tour, vier kurzhaarige Herren offerierten klassischen UK-Streetpunk mit einem Bein im ’77-Punk, getragen von vornehmlich durch den Bassisten gespielten Melodien. Anfänglich klang der Gesang noch etwas dünn, doch als des Sängers Stimme nach zwei, drei Songs schön angeraut war, lief mir das doch sehr gut rein. Gecovert wurde „Janie Jones“ von THE CLASH, womit man natürlich direkt einen Stein bei mir im Brett hatte, zumal der Sänger auf Tuchfühlung mit dem Publikum ging und mich den Refrain ins Mikro brüllen ließ. Mit einem BLITZ-Cover folgte später ein weiteres Cover, war’s „Someone’s Gonna Die Tonight“ oder „Razors in the Night“? Bekomme ich nicht mehr ganz zusammen, war aber ein lässiger, überzeugender Gig.

CUT MY SKIN, Sängerin Pattis SCATTERGUN-Nachfolge-Combo, hatte ich zuletzt vor nun auch schon wieder fünf Jahren live gesehen und die Jahre sind auch an Patti anscheinend nicht spurlos vorbei gegangen. Auf der Bühne haben die Berliner aber nix verlernt, kämpferischer, melodischer UK-style-Punk mit ausdrucksstarkem Gesang und immer mal wieder zu Singalongs neigenden Refrains machte immer noch Laune und wusste zu gefallen. Ein einzelnes Stück gab’s sogar in Muttersprache und Patti schien ebenso in ihrem Element wie große Teile des Publikums, die die Band abfeierten.

Der Job der letzten Band ist oftmals ein etwas undankbarer, doch nicht so an diesem Abend: Die Hamburger ASIMATRIX feierten die Release-Party ihrer Debüt-LP, die – ein weit verbreitetes Phänomen – leider nicht rechtzeitig zum Gig aus dem Presswerk gekommen ist. Scheißegal, mit zahlreichen Auftritten hat sich die Band einen guten Namen erspielt. Nachdem sie seinerzeit im Menschenzoo für uns als DÖDELHAIE-Support eingesprungen war, hatte ich allerdings nicht noch einmal das Vergnügen, was sich nun endlich änderte. Die Band mit ihrem Mix aus giftigem HC-Punk und dreckigem Ska-Core agiert nun noch selbstbewusster auf der Bühne, Sängerin Juli klingt nach wie vor nicht nach Schönwetter-Punk und Gitarrist Lars stellt weiterhin seine Entertainer-Qualitäten unter Beweis, wenn er grobmotorisch die Klampfe schrammelt und den Sound um partielle Brülleinlagen erweitert. Geile Party zum Abschluss des einmal mehr herrlichen Abends im Gängeviertel, von dem mir leider meine Fotos verschütt gegangen sind. Glückwunsch schon mal an ASIMATRIX zur Platte und danke an alle, die wie üblich sehr viel Spaß für Eintritt gegen Spende geboten haben, sprich die Beyond-Borders-Crew & Co.!

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