Günnis Reviews

Monat: März 2025

22.03.2025, Indra Musikclub, Hamburg: THE MOVEMENT + FORNHORST + SASCHA UND DIE HERINGE

Dieses Konzert war ein willkommener Anlass, langsam mal die Winterpause zu beenden. Die dänischen THE MOVEMENT, eine der wenigen Bands, die überhaupt noch auf Mod machen, hielt ich auf Platte früher für verzichtbar, sollen sich, so hieß es, live aber immer lohnen. 2020 kam das Album „Future Freedom Time“ raus, das ich dann doch ziemlich geil fand, und FORNHORST, jene noch junge Band aus dem schleswig-holsteinischen Hamburger Umland, die sich ums ehemalige EU!-KRAMPF- und ASIDE!-Mitglied Normen gegründet hat, wollte ich mir eh schon länger mal live geben. Zudem war das Konzert für die Beteiligung einer nun nicht gerade unbekannten ausländischen Band als Headliner – und für heutige Zeiten – echt bezahlbar, was sicherlich nicht zuletzt an den sehr publikumsfreundlichen Kalkulationen des Indras lag.

Das dachten sich offenbar auch viele andere und erschienen zahlreich, wobei gerade Teile zu meinem Bekanntenkreis Zählender schon gut vorgetankt hatten und herrlich besoffen waren, bevor die erste Band überhaupt angefangen hatte. Bis dahin blieb auch einige Zeit, denn erst mit einer Stunde Verspätung ging’s los. Bei besagter erster Band handelte es sich um die Emdener Nachwuchscombo SASCHA UND DIE HERINGE (Eigenbezeichnung „fischige Rambazambatruppe“), die ohne Sascha, aber mit einigen Heringen angereist war. Nach einem humorigen KI-generierten Fake-News-Beitrag als Intro ließ mich gewollt witziger Midtempo-Funpunk mit Rocktendenz meine Stirn in Falten legen, der miese Sound mit die Klampfen übertönendem Schlagzeug und Klackerbass tat sein Übriges. Die Gunst des Publikums sicherte man sich mittels Gratis-Pfeffi, den man verteilte, und setzte verstärkt auf Show-Einlagen: Menschen mit Heringsmasken auf der Rübe und in Mönchskutten waren der Anfang, gefolgt von einer Schauspieleinlage mit falscher Polizistin bei „Verhaftet wegen Alkohol“ bis hin zu tanzenden Heringsmädels und einem unvermeidlichen Mitmachspielchen, für das alle mal auf die Knie gehen sollten. Nee, lass das mal lassen… Das selbst für ein Erste-Vorband-Set offenbar noch nicht ausreichende eigene Material wurde mit Coverversionen angereichert: Bei „Gotta Go“ (AGNOSTIC FRONT) sagte ich noch zu meinem Kumpel, dass das, ähnlich wie „Blitzkrieg Bop“, verboten weil totgedudelt sei. Diesbzgl. bin ich mir beim später gespielten „Filmriss“ noch unsicher, es kratzt aber mindestens hart an der Grenze. Und als unverlangte Zugabe, als hätte ich’s geahnt: „Blitzkrieg Bop“. Alter! Von „Gotta Go“ war einer immerhin so begeistert, dass er die Bühne erklomm und mitsingen wollte, doch der Sänger hielt ihm nicht mal für den Chor das Mikro vors Maul. HC geht anders. Ok, zugegeben: Der eine oder andere Song klang nicht verkehrt, z.B. ‘ne Anti-Rechtsextremismus-Nummer, und der Sänger hat grundsätzlich ein angenehm raues Organ. Der Sound wurde, wie so oft, im Laufe der Zeit besser und wat weiß ich überhaupt schon, denn die Stimmung vor der Bühne war die ganze Zeit über gut.

Wenn ich das richtig mitgeschnitten habe, begannen FORNHORST als eine Art Solo-Projekt, nachdem Bandkopf Normen aufs Dorf im hohen Norden der Republik gezogen war. Die ersten Songs landeten 2022 bei Bandcamp und machten Bock auf mehr. Nachschlag gab’s in Form der seinerzeit noch unter dem Namen SCHNELLER geschriebenen Songs auf einer weiteren EP und im letzten Jahr schließlich des Albums „Leben ohne Scheiß“. Das Vinyl hab‘ ich dann auch gleich mal eingesackt, denn das Zeug gefällt mir: Flott gespielter, melodischer Punkrock mit zeitgemäßen, durchdachten deutschsprachigen Texten über Gesellschaft, Szene und das Älterwerden in beidem inklusive kräftiger, pointierter Refrains. Normen, der zugleich die Rhythmusklampfe spielt, hat ‘ne gute, angeraute Stimme, und der Leadgitarrist im Grunge-Look zaubert eine geile Melodie nach der anderen auf die Akkorde. Kuriosum: Da bis auf den Basser anscheinend niemand Bock auf Background-Gesang hat, kommen FORNHORST kurzerhand mit ‘nem eigenen Background-Sänger auf die Bühne – der trotzdem wesentlich schneller aus der Puste ist als Normen mit seiner Doppelbelastung. Der P.A.-Sound stimmt jetzt, und im Laufe des um die 15 Songs umfassenden Sets gerate auch ich in Bewegung und feiere die Songs mit ihren überwiegend direkt ins Ohr gehenden, schnell mitsingkompatiblen Refrains. Hervorheben möchte ich neben dem kompromisslosen „Kein Vergeben, kein Vergessen“ die klug formulierte P.C.-Kritik „Tommi“ über jemanden, der im Großstadt-AZ wahrscheinlich Hausverbot hätte, sich in seiner ländlichen Heimat aber gegen Nazis gerademacht, sowie die aufrührerische Hymne „Leben ohne Scheiß“. Für mich eine der erfreulichsten jüngeren deutschsprachigen Bands und auch live geiler Scheiß. Ich hoffe, bald mal wieder!

THE MOVEMENT wurden als krönender Abschluss ihrem guten Ruf vollends gerecht. In Trio-Formation mit aufs Nötigste reduziertem Schlagzeug und dem Trainer von Mainz 05 am Bass spielte man sich durch die eingängigen, souligen, anpeitschenden Modpunk-Hits mit tiefem, kehligem Gesang, dem reinsten Bassporno, sozialistisch-revolutionärer Attitüde und ebenso unvermittelten Rockstar-Posingfiguren wie Akrobatikeinlagen und, äh, Beckenwechseln. Der völlig überdrehte Bassist hielt es nicht lange in seinem Anzug aus und entkleidete sich nach und nach, bis er irgendwann oberkörperfrei auf der Bühne stand (und im Publikum Nachahmer fand). Etwas überrascht war ich, dass doch so viele es aushielten, einfach dazustehen und die Band anzuglotzen, statt das Tanzbein zu schwingen. Eines der letzten Stücke (oder das letzte?) war „Control Your Temper“, einer der ersten THE-MOVEMENT-Songs, die ich kannte, und dürfte in meiner etwas verschwommenen Erinnerung dann auch der Stimmungshöhepunkt gewesen sein. Musikalisch vollauf befriedigt ließ ich mich noch zum Absacken im Monkeys (wo die „Tainted Love“-Wave-Disco stattfand) überreden, haute mein letztes Saufgeld auf den Kopp und stellte zu meinem Verhängnis fest, dass man am Tresen nun auch mit Karte zahlen kann… Papperlapapp, so schlimm wurd’s gar nicht. War ‘n geiler Abend!

25.02.2025, Uber-Arena, Berlin: CYNDI LAUPER + TRACY YOUNG

Meine Gebete waren erhört worden, mein Lieblings-‘80er-New-Wave/Synth-Pop-Schnuckel, die Sängerin, Menschenrechtsaktivistin, Schauspielerin und ehemalige Wrestling-Managerin CYNDI LAUPER, begab sich ein letztes Mal auf Monstertour und machte dabei einen Abstecher nach Deutschland. Zwar nicht nach Hamburg, aber Berlin ist ja nicht weit und meine wesentlich bessere Hälfte und ich konnten ein günstiges Hostel ganz in der Nähe der Arena in Friedrichshain beziehen. „Time After Time” war schon immer eines meiner Lieblingslieder, mich eingehender mit Laupers Alben beschäftigt hatte ich mich aber erst als Erwachsener – und war und bin immer noch insbesondere von ihrem ‘80er-Oevre begeistert. Später entdeckte sie den Jazz und den Blues für sich, wo ich musikalisch dann raus war (oder erst mal raus zu sein glaubte). Live gesehen hatte ich sie nie, aber gehofft, vielleicht doch noch einmal die Gelegenheit zu bekommen. Hier war sie!

Wir trafen uns mit einer Freundin meiner Liebsten und deren erwachsener Tochter, machten an ‘nem Imbiss Halt, glühten etwas vor und begaben uns dann in die Uber-Arena, einem dieser typischen seelenlosen Multifunktionsklötze, der aber nun einmal Platz für zigtausend Leute bietet. Der halbe Liter Veltins wird zu Champagnerpreisen (7,- EUR + 3,- EUR Pfand!) ausgeschenkt, aber damit hatte ich ebenso gerechnet wie mit T-Shirt-Preisen von 45,- EUR (mein älteres Cyndi-Shirt im Punk-Look, das ich mir übergestreift hatte, war wesentlich günstiger gewesen) und derlei Unwägbarkeiten. Alles nebensächlich an diesem Abend. Wir waren früh genug da, um im Innenraum nah genug an die Bühne zu kommen; und kamen wir uns anfänglich noch etwas verloren vor, füllte es sich zwischen 19:00 und 20:00 Uhr doch rasch. Ganz ausverkauft sei’s wohl nicht gewesen, meinten meine Begleiterinnen in Erfahrung gebracht zu haben, aber wohl kurz davor. Gut 12.000 Gäste sollen es gewesen sein.

Als Hintergrundmusik lief diverser jüngerer Pop ausschließlich weiblicher Interpreten; auf der Bühnenrückwand, die als Video-Screen diente, lief eine Animation mit Songtexten des einen oder anderen Lauper-Klassikers. Auf den beiden Bildschirmen links und rechts der Bühne wurde auf Laupers „Girls Just Wanna Have Fundamental Rights“-Stiftung hingewiesen. Mit einem Support-Act hatten wir nicht gerechnet, bekamen aber trotzdem einen: Techno-DJane TRACY YOUNG durfte eine knappe Dreiviertelstunde hinter ihrem Mischpult stehen und ihre Elektro-Tracks abfeuern. Das war schon arg genrefremd, aber immerhin meinte ich Techno-Laie Youngs Früh-‘90er-Verwurzelung anhand von House-Instrumentierung und Vocal-Sample-Lastigkeit herauszuhören, was die eine oder andere Nummer erträglich machte. Auf der Bühnenrückwand wurden bunte, psychedelische Animationen abgespult, während Young hinter ihrem Pult stehend ein paar Knöpfchen drehte. Es ist eben keine Live-Musik; und dass sie mit erhobenen, rhythmisch wedelnden Armen das Publikum anfeuerte und dafür auch immer mal wieder an den Bühnenrand schritt, sah bei ihr genauso albern aus wie bei anderen Techno-DJs. Naja, wenigstens wurde die P.A. nun endlich mal angeworfen und durchgepustet.

Nach der Umbaupause, während der u.a. das Percussion-Set und das Drumkit auf der schwarzlackiert geflieste Bühne enthüllt wurden und einen Hinweis darauf gaben, dass wir es nun bald tatsächlich mit handgemachter Musik zu tun bekommen würden, stimmte BLONDIEs „One Way Or Another“ aus der Konserve auf den Gig ein, in den Lauper direkt mit „She Bop“ einstieg und dessen Blockflötensolo höchstpersönlich zum Besten gab, gefolgt von einem meiner Alltime-Faves, „When You Were Mine“, der einst ein PRINCE-Song war – bevor Lauper ihn zu ihrem eigenen machte. Das Licht tauchte die Bühne in ein kräftiges Violett; die eine mintgrüne Perücke tragende Lauper bewegte sich im endcoolen Roboterstakkato zum unwiderstehliche Rhythmus des Songs und erhielt Szenenapplaus, als sie ihre Stimme in jene ungeahnten Höhen erhob, die zu einem ihrer vielen Markenzeichen zählen. Sie schien – wie so viele gerade – etwas erkältet gewesen zu sein, wobei ihre Hüsterchen verdeutlichten, dass eben auch der Gesang 100%ig live war. Ob mit oder ohne Atemwegsinfekt: Dass sie derart exzessiv wie früher das Hohe C suchen und treffen würde, hatte ich nicht erwartet und war auch nicht der Fall. Ihre „normale“ Gesangsstimme aber war nach wie vor voll da.

Und bunt war’s – sehr bunt! Jeder Song wurde anders illuminiert und mittels Videoanimationen auf der Bühnenrückwand illustriert, wenn nicht gerade Livebilder aufgegriffen und multipliziert dargestellt wurden. Lauper zog sich mehrmals um und wechselte die Perücken – einmal gar mitten auf der Bühne –, eines ihrer Outfits erinnerte an einen buntgefiederten Papagei. Zudem wurden im Laufe des Konzerts mehrere Konfetti- und Luftschlangenkanonen gezündet. Auch wenn es die „Girls Just Wanna Have Fun Farewell Tour“ ist, beschränkte sie sich bei der Songauswahl natürlich nicht auf ihr erstes und erfolgreichstes Album, wenngleich „True Colors“ und „A Night To Remember“ sehr kurz kommen. Überraschend waren für mich die Berücksichtigungen der Studioalben 4 und 5 („Hat Full of Stars“ und „Sisters of Avalon“) aus den 1990ern, die jeweils mit mehreren Songs zum Zuge kamen („Sally’s Pigeons“, „Who Let in the Rain“, „Fearless“ (a cappella vorgetragen!) und „Sisters Of Avalon“). Diese überwiegend sehr ruhigen, zurückgenommen Stücke sorgten in Verbindung mit den persönlichen Geschichten und Anekdoten, für die Lauper sich Zeit nahm, für eine sehr spezielle, fast schon intime Atmosphäre, die ich so nicht erwartet hatte und meinen Lauper-Horizont erweiterten.

Sehr gefreut habe ich mich über ihre „Funnel Of Love“-Coverversion vom 2016er-Album „Detour“. Etwaige weitere Deep Cuts wie z.B. Single-B-Seiten blieben aber ebenso aus wie der BLUE-ANGEL-Neo-Rockabilly-Klassiker „Maybe He’ll Know“ oder der „The Goonies“-Hit „Good Enough“. Die mittlerweile 71-Jährige gönnte sich viele Gesangspausen und füllte die Zeit mit ihren Geschichten oder auch einer ausführlichen Vorstellung der Mitglieder ihrer Band. Das sei ihr gegönnt. Vor „Sisters of Avalon“ begab sie sich hinter die Bühne, scheinbar in die Maske – jedenfalls zeigte ein komödiantischer Einspielfilm, wie sie dort übertrieben nachgeschminkt wurde und sie sich eine Gitarre umschnallte, mit der sie ihren eigenen Song daraufhin auf der Bühne begleitete. „Time After Time“, für das sie zum Einsatz der Smartphone-Taschenlampen aufrief, und das rockige BRAINS-Cover „Money Changes Everything” beendeten schließlich den regulären Teil des Sets, bevor „Shine“ den Zugabenblock einleitete, mir eine Gänsehaut bescherte und mir bewusst machte, welch Rabenfan ich bin, mich noch gar nicht ausreichend mit Laupers Spätwerk beschäftigt zu haben – denn diese Nummer zündete sofort, offenbar gibt’s da noch einiges zu entdecken. Für „True Colors“ wechselte sie auf eine Plattform im Publikumsbereich und ließ eine Regenbogenfahne im Wind flattern, und fürs große Finale, natürlich „Girls Just Wanna Have Fun“, betrat die Sängerin PEACHES als Überraschungsgast die Bühne, um diesen Evergreen zusammen mit Cyndi zu schmettern. Die kleine Panne, dass PEACHES‘ Mikro zunächst offenbar nicht eingeschaltet war, tat der Stimmung keinen Abbruch.

Das war’s dann. Zugegeben: Zu „All Through The Night“ hätte ich schon noch gern geschwoft! Trotzdem dankbar für dieses Konzerterlebnis nahm ich dann auch ohne groß mit der Wimper zu zucken Unannehmlichkeiten wie die Pfandrückgabe in Kauf (Getränkestand im Innenraum baute schon ab, musste daher an eine lange Schlange im Außenbereich – und dort gab’s auch kein Bargeld, sondern man bekam die Knete aufs Bankkonto gebucht) und verlor glatt meine Begleiterinnen, traf dafür aber die Kielerin Anna, die ich mal in einer Hamburg Punk-Spelunke kennengelernt hatte. Überhaupt, das Publikum: Teenies waren’s nun nicht sonderlich viele und wenn, dann in Begleitung eines Elternteils, aber bunt gemischt von Twens bis Ü50 war’s trotzdem, darunter Teile der LBGTQ+-Community, für die sich Lauper immer eingesetzt hat, und sogar vereinzelte Leute mit Metal-Shirts und ein paar Punks, einer davon, ein Altpunk, stilecht mit Iro und THE-EXPLOITED-Shirt. Meine Leute fand ich dann auch bald wieder und so ging’s noch auf ‘nen Absacker vom Hostel-Tresen, bevor wir ‘ne Mütze Schlaf nahmen und am nächsten Tag nach ‘nem Frühstück vor Ort die reibungslose Heimreise antraten.

Ich freue mich, an „CYNDI LAUPER mal live sehen“ ‘nen Haken machen zu können – nichts als Liebe und Respekt für diese kleine, aber ganz große Frau! Und jetzt werde mich mal mit ihren jüngeren Alben beschäftigen – versprochen…

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